Von Christian Schultz-Gerstein

Vor vier Jahren startete der Berliner Oberbaum-Verlag die „Reihe proletarisch-revolutionärer Romane“. Das mittlerweile auf fünfzehn Bände angewachsene Unternehmen enthält neben den deutschen Klassikern kommunistisch-antifaschistischer Kampfliteratur aus der Weimarer Zeit auch aktuelle Darstellungen vom Widerstand-gegen den Imperialismus, etwa den zuletzt erschienenen Band „Kämpfendes Saigon“ mit Kurzgeschichten und Reportagen aus Südvietnam, und schließlich auch dickleibige Romane aus den Aufbaujahren der sowjetischen und chinesischen Volksrepubliken.

Das Kernstück der Reihe bildet aber mit bislang sechs Publikationen die deutschsprachige Agitationsliteratur: die Romane von Klaus Neukrantz („Barrikaden am Wedding“), Willi Bredel („Maschinenfabrik N & K“, „Rosenhofstraße“), Walter Schönstedt („Kämpfende Jugend“) und Adam Scharrer („Vaterlandslose Gesellen“). Die zwischen 1929 und 1932 entstandenen, als propagandistische Hilfe im Kampf gegen die Faschisten gedachten Werke heute nachzudrucken, heißt, eine Sammlung historischer Dokumente bereitstellen, die vielleicht Aufschluß darüber geben können, warum die Agitation der Kommunisten letztlich nicht die Massen zu erreichen und auf ihre Seite zu ziehen vermochte. Ein nützliches Unternehmen.

Daran ändern auch die in eine ganz andere Richtung zielenden publizistischen Absichten der Leute vom Oberbaum-Verlag nichts, die in nostalgischer Geschichtsblindheit Bredel und Genossen als „Agitationshilfe für den Kampf um den Sozialismus in der Bundesrepublik und Westberlin“ in Umlauf setzen und deren Werke als „Mittel zur Umerziehung für Intellektuelle“ eingesetzt sehen wollen. Solches Nachpfeifen vergangener Melodien macht gewiß die Seele erschauern, heißt aber nichts anderes, als sich der angenehmen Täuschung hingeben, die Vergangenheit sei die Gegenwart. Anders vermag man sich kaum zu erklären, daß Leute, die sich als Sozialisten ausgeben, die deutsche Geschichte der kommunistischen Bewegung unverändert nachspielen wollen, jene Geschichte, die mit dem Sieg des Faschismus endete.

Das ungebrochene Bekenntnis zur Widerstands- und Aufklärungsstrategie der Weimarer KPD resultiert freilich aus der nämlichen parteihörigen Bewußtlosigkeit, die auch die vorliegenden Romane kennzeichnet; da wurden und werden lediglich die Parolen der Zentrale reproduziert.

Tatsächlich fällt zuallererst der affirmative Charakter der proletarischen Literatur ins Auge. Zwar werden nicht die bestehenden politischen Verhältnisse der Weimarer Republik, wohl aber die Verfassung des Proletariats und seiner Kampforganisationen glorifiziert und deren Treffpunkte zu kommunistischen Idyllen stilisiert, denen keine Zeit etwas anzuhaben vermag. Kein Roman, in dem diese geschlossenen Räume der Geborgenheit fehlen, die Kneipe „Zur roten Nachtigall“ oder beliebtester Topos proletarischer Butzenscheibendichtung – „die Straße“. Hier ist man unter sich und einig, hier ist die Welt überschaubar, hier kennt man sich aus im Labyrinth der Hinterhöfe und Kellerräume, hier gibt man Spitzeln das Nachsehen und läßt Polizeioffiziere im dunkeln tappen. Man nennt dies, die Welt aus proletarischer Perspektive sehen. Proletarische Perspektive heißt für die kommunistischen Agitatoren freilich nicht, die Realität aus dem Blickwinkel der Ohnmächtigen und Ausgebeuteten, sondern sie mit den Augen der Partei darstellen, die immer Recht hat. Daher muß in diesen Romanen unablässig gesiegt werden; und je dreckiger es den Proletariern geht, desto schöner der Endsieg der Partei.

Klaus Neukrantz schildert in den „Barrikaden am Wedding“ die Arbeit einer Straßenzelle, die in blutigen Auseinandersetzungen den Widerstand gegen ein vom sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Zörgiebel verhängtes Demonstrationsverbot zum 1. Mai organisiert. Der mit den Leichen von Kommunisten gepflasterte Roman schließt mit der Genesung einer von Polizeikugeln getroffenen Genossin: „Auf dem schmalen, harten Mund in dem müden, blassen Gesicht lag ein junges, zukunftsfrohes Lächeln.“ Willi Bredels Roman „Maschinenfabrik N & K“, der vom Kampf einer Betriebszelle um humanere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, vom Kampf gegen Polizeiterror, gegen Unternehmerschikanen und Gewerkschaftsverrat berichtet, verwendet das beliebteste Stilmittel affirmativer Kunst, das Happy-End, das die dargestellten Konflikte in ein versöhnliches „Ende gut, alles gut“ auflöst: „Melmster und Hobler, der alte Dresen und der hagere Schmied, achtzig Proleten, im Bewußtsein der unüberwindlichen Kraft ihrer Klasse, marschierten im Gleichschritt die Straßen hinunter, daß es von den Steinen dröhnte.“