Wir kommen 1976 nach Montreal“, orakelte vor einigen Wochen der Trainer der bundesdeutschen Hallenhandball-Nationalmannschaft, „und bei der nächsten Weltmeisterschaft 1978 sind wir auf den Plätzen 1 bis 5 zu finden!“ Diese euphorische Aussage könnte durch die am Sonntag getroffene Entscheidung leicht getrübt worden sein. In Dortmund fand die Auslosung zur Gruppeneinteilung der Qualifikationsspiele für das Olympische Hallenhandballturnier statt: Die Mannschaft der Bundesrepublik spielt zusammen mit der DDR und Belgien in einer Gruppe.

Das von 16 auf 12 Mannschaften reduzierte Teilnehmerfeld setzt sich wie folgt zusammen: Kanada als Ausrichter und Rumänien als Weltmeister sind bereits Olympiateilnehmer, dazu kommt je ein Erdteilvertreter aus Afrika, Amerika und Asien. Um die restlichen sieben Plätze kämpfen die Vertretungen 22 europäischer Länder in sieben Gruppen. Doch nur der jeweilige Gruppensieger wird die Olympiafanfare als Teilnehmer zu hören bekommen.

Welche Chancen darf man den deutschen Handballern in den Qualifikationsspielen einräumen? Eine Analyse durchzuführen, erscheint fast unmöglich, denn, so unglaublich es klingt: Sieben Monate vor Beginn dieser Spiele gibt es noch nicht die deutsche Mannschaft. Der Bundestrainer, der Jugoslawe Vlado Stenzel, scheint sich an einen Lösungsvorschlag Bert Brechts angelehnt zu haben, den dieser in seinen „Buckower Elegien“ 1953 auf Grund eines Vertrauensschwundes zwischen Regierung und Volk empfahl: „... wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Stenzel nämlich löste tatsächlich die deutsche Mannschaft der letzten WM auf, es blieben nur noch drei Spieler im neuen Kader: Möller, Westebbe und Deckarm.

Doch selbst diese gehören nicht mehr alle zur Mannschaft. Während Westebbe wegen seiner Nichtnominierung zu einem Länderspiel öffentlich seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte, eliminierte Stenzel selber den Wellinghofener Möller (98 Länderspiele) aus dem Kreis der Nationalmannschaft wegen dessen spektakulären Wechsels zum zweitklassigen Verein TuS Nettelstedt. In fünf Monaten wurden etwa 30 neue, zum Teil völlig unbekannte Spieler in Länderkämpfen getestet, der totale Neuaufbau war eingeleitet.

Nach seinen eigenen Worten will Stenzel nur mit jungen, hungrigen Spielern eine schlagkräftige Mannschaft formen. Diese seien aufnahmebereiter und williger, seine Gedanken zu verwirklichen und alles zu geben, das gesteckte Ziel Montreal zu erreichen. Fortschritte sind bereits deutlich zu erkennen, davon konnte man sich im März beim Vierländerturnier in Dänemark überzeugen: Das Spiel ist variabler und ideenreicher geworden, frei und ungezwungen wurde kombiniert, man hatte keine Hemmungen vor großen Gegnern.

Selbst Olympiasieger Jugoslawien bekam dies zu spüren, und sein Leiter, Ivan Snoi, erkannte die radikale Umgestaltung der Mannschaft respektvoll an: „Solche jungen Spieler brauchen ihre Entwicklungszeit, sie benötigen internationale Erfahrungen. Bei euch aber stehen Spieler und Trainer unter ständigem Erfolgsdruck. Das stört kontinuierliche Aufbauarbeit. Tritt hier kein Sinneswandel ein, bleibt der Umschwung schon in den Anfängen stecken.“ Solcher Meinung kann ich mich nur voll anschließen, denn hier liegt in der Tat das Problem. Wann und wo sollen die Spieler bis zur Qualifikationsrunde Spielerfahrungen sammeln?

„Obwohl ich meine komplette Mannschaft der letzten WM noch zusammen habe, wird die neue, unbekannte Mannschaft der BRD ein unbequemer Gegner für uns sein“, sagte der Trainer der DDR. Auch wenn seine Mannschaft über ein hohes Maß an internationaler Erfahrung verfügt, so weiß er aber auch um die Nervosität seiner Spieler in kritischen Situationen. Vielleicht liegt hier eine Chance für die Spieler der Bundesrepublik, dem routinierten Favoriten die Frische und Unbekümmertheit eines Außenseiters erfolgreich entgegenzusetzen.