Von Manfred Sack

Richtig, ich kannte Mauritius vorher auch nur als „die blaue“. Ich habe trotzdem nur zweimal an Briefmarken gedacht, das erste Mal, als ich die Insel auf dem Atlas suchte, das andere Mal, als ich in Mauritius wenigstens die Kopien im Museum in Mahébourg betrachten wollte. Um die philatelistische Posse gleich zu erledigen: Der Stecher hatte sich damals geirrt und neben das weiße Profil der Königin Victoria nicht „Post Paid“ graviert, sondern „Post Office“; seitdem, so deutet das Konversationslexikon vorsichtig an, würden für die (von den fünfhundert) noch auffindbaren dreizehn apfelsinenfarbenen Ein-Penny-Exemplare und die zwölf dunkelblauen Zwei-Pence-Marken „Liebhaberpreise bezahlt“.

Wer heute seine Ansichtskarten auf der Insel frankiert, spuckt auf unvergleichlich hübschere Marken, bedruckt mit Gemälden historischer Szenen oder mit dem ganzen Vorrat an Fischen und Muscheln, den das teils himmelblaue, teils türkisgrüne, meist sanftmütige und sehr lauwarme Meer seinen Jägern preisgibt. Es ist übrigens der Indische Ozean; und wer Dummheiten liebt, darf schreiben, er läge vor Madagaskar: Für den, der sechzehn Stunden im Flugzeug zugebracht hat, um hierher zu gelangen, mögen die 1800 Kilometer, die Mauritius östlich davon liegt, ein Katzensprung sein.

Noch ein bißchen Geographie: Die Insel gehört unter die Maskarenen; sie mißt von Norden nach Süden 65 Kilometer, quer etwa 45. Sie ist – mit 850 000 Einwohnern auf 1852 Quadratkilometern – das am dichtesten besiedelte Land der Erde. Der Wendekreis des Steinbocks liegt um zwanzig Breitengrade südlich, und wenn man in Deutschland friert, ist auf Mauritius Sommer. Doch das ist ungenau. „Ein hinreißendes Wetter“, schwärmte ein (französischstämmiger) Mauritier. „Stimmt“, respondierte ein anderer, „überhaupt nicht heiß.“ Ich betastete derweil mein durchgeschwitztes Hemd und hielt dreißig Grad für ziemlich heiß.

Manches andere ist hier verdreht. Der Orion, sonst nur am Horizont erinnerlich, glänzte über mir am Himmel; die Sichel des Mondes widersprach dem A der Sütterlinschrift und nahm nichtab, sondern zu; daß es mitunter schwül war, hatte damit zu tun, daß Sommerszeit hier Regenzeit ist. Der Lufthansakapitän, der beim Anflug noch fröhlich auf die Insel gewiesen hatte, schickte bald die Vertröstung hinterher: Regen verdüstere den Flugplatz „Plaisance“ so sehr, daß er nicht landen könne und noch eine Weile über den schwarzen Wolkenknäueln kurven müsse.

Die tieferen Ursachen dieses Wetters enthüllte am Tage drauf das Radio mit Sondermeldungen. Warnung Nummer sieben erledigte dann endlich den Fall: Zyklon „Ines“, seit dreizehn Stunden die Insel umwirbelnd, ziehe siebzig Kilometer südlich mit 130 Kilometern in der Stunde davon nach Osten. Auf englisch, französisch, kreolisch und in Hindi erfuhren die Mauritier, daß die Verwandte des „Gervais“ nur Spaß gemacht hatte.

„Gervais“ war der Zyklon, der die Insel Anfang Februar 1975 von Norden nach Süden überquert und eine Menge Unheil angerichtet, dabei das feuerrote Blütenmeer der Flamboyant-Sträucher gerupft, Häuser umgeworfen, selbst so mächtige Bäume entwurzelt hatte wie den Banian mit seinem manchmal dreißig Männer dicken Stämmebündel; die fünf schmächtigen Figuren, die ich an einem solchen Exemplar hantieren sah, machten den Eindruck, als würden sie Monate mit der Zerkleinerung zu tun haben.