Von Nina Grunenberg

Jedes Jahr am Vorabend des ersten Mai wird im Bremer Rathaus das "Mahl der Arbeit" gefeiert. Auf den langen Tafeln in der oberen Halle stehen vor jedem Platz zwei Flaschen Bier und Schüsseln mit sauren Gurken und Rollmöpsen als Garnitur fürs Labskaus – jener norddeutschen Schiffermahlzeit, die, von Tanzbodenmusik begleitet, nach den Festreden serviert wird.

Mit dieser Sitte haben die Bremer Gewerkschaftler an die Feiertradition der Kaufleute angeknüpft – "als wertvolle Ergänzung, die die volle Gleichberechtigung der Arbeitnehmer deutlich werden läßt", hieß es letztes Jahr in der Rede, die Helmut Schmidt als Ehrengast hielt. Sie entbehrte so sehr des Glanzes, daß die Geladenen anfingen zu gähnen und gelangweilt mit den Füßen zu scharren, und sie blieb mir nur deshalb in Erinnerung, weil vor Helmut Schmidt der alte Wilhelm Kaisen eine kurze Ansprache an sein Volk gehalten hatte. Er war Bremens erster Senatspräsident nach dem Kriege. Heute ist er schon in den Achtzigern.

Kaisen drückte seine Freude über das Wiedersehen aus und versicherte die Anwesenden seiner solidarischen Gefühle. Viel mehr war es nicht, was er sagte, aber die abgebrühten Gewerkschaftsfunktionäre fingen vor Rührung und Entzücken schon zu jubeln an, als sie ihn sich langsam von seinem Platz erheben sahen. Jeder dritte Satz von ihm wurde von donnerndem Beifall unterbrochen. Zum Schluß erhob sich die Versammlung wie ein Mann, um dem weißhaarigen Alten’die Ovation stehend darzubringen.

Seitdem ich das erlebt habe, bin ich beruhigt: Es kann nicht nur als bürgerliche Träumerei denunziert werden, sondern entspricht auch sozialdemokratischem Bewußtsein, von einem Denkmal wie Wilhelm Kaisen beeindruckt zu sein. Er war ein. Herr, der mit der geballten Arbeiterfaust drohen konnte, wenn er wollte. Daraus bezog er als Regierungschef seine Autorität ebenso wie früher Georg August Zinn, Hinrich Wilhelm Kopf oder, der letzte der Mohikaner, Herbert Weichmann. Man soll sie nicht verklären, aber eines waren sie – knorrige, kraftvolle Persönlichkeiten, deren Nährboden die Sozialdemokratische Partei war, doch die in Kopf und Herz eigenständige Ideen von einer besseren, gerechteren Welt mit sich herumtrugen.

Just hier liegt ein Problem, wenn es gilt, ihre Nachfolger im Amt zu beschreiben: Was; sie sind, was sie ticken läßt, ist schwieriger zu beschreiben – zum Beispiel bei den beiden Hanseaten Hans Koschnick und Hans-Ulrich Klose.

Koschnick ist Bürgermeister von Bremen, 49 Jahre alt und seit fast sieben Jahren im Amt. Klose ist Bürgermeister von Hamburg, 37 Jahre alt und sitzt noch keine sechs Monate im Rathaus. Beide sind Sozialdemokraten und als Senatspräsidenten der freien Hansestädte nach der Verfassung nur Erste unter Gleichen. Die Senatspräsidenten (mit dem Titel Erster Bürgermeister) haben nur das Recht, sich mit Hilfe ihrer Persönlichkeit durchzusetzen.