Was würde wohl passieren, wenn der Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass im Stil der neuen Zeit unter dem Titel „Oscars große Sause“ erschiene? Oder Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ als „Fünf Tränen für ein Hallelujah“?

Was beim Geschäft mit der Literatur unvorstellbar ist, wird in der Filmbranche immer schlitzohriger praktiziert. Verleiher graben betagte Kinostücke aus, lassen sich einen neuen Titel einfallen und schicken die Filme wieder ins Rennen. Das Publikum wird im unklaren darüber gelassen, daß ihm eine nicht mehr ganz frische Ware untergeschoben werden soll.

Zumal wenn ein Star eine spektakuläre Hausse erlebt, kommen sofort ältere Filme mit diesem Schauspieler zum zweiten und drittenmal wieder in die Kinos, umgetitelt und oft sogar von einer neuen Werbekampagne begleitet. Eine Verbraucheraufklärung schließen die rüden Sitten dieses Gewerbes aus.

So verdient sich zur Zeit die Berliner Tobis goldene Berge mit der Komödie „Die große Sause“ mit Louis de Funès. Vor neun Jahren lief dieser Film als „Drei Bruchpiloten in Paris“ bei der Constantin. Diese Tatsache verschweigt der Verleih; die Tobis-Reklame vermittelt den Eindruck, daß hier ein neuer Film angeboten wird. Es wird gemunkelt, „Die große Sause“ habe in einer Woche soviel eingespielt wie 1966 bei der Constantin während des gesamten Einsatzes.

Ein anderes Beispiel filmwirtschaftlicher Mengenlehre bietet die Firma Fox-MGM: Aus dem Film „Vier schräge Vögel“ von 1971 machte sie im Zeichen des Robert-Redford-Booms „Zwei dufte Typen“. Es gab verärgerte Besucher zuhauf, die nach fünf Minuten merkten, daß sie in einem ihnen bereits bekannten Film saßen. Der gleiche Verleih offeriert in diesen Monaten den Pearl-Harbour-Film „Tora, Tora, Tora, von 1969 als „Die Schlacht, die die Welt in Brand setzte“.

Mitunter geht es auch erfrischend gradlinig zu: Ein erfahrener Kinogänger dürfte durchaus in der Lage sein, Edouard Molinaros „Oscar“ mit Louis de Funès auch als „Oscar der Korinthenkacker“ zu identifizieren. Ganz schlimm steht es dagegen bei den Jerry-Lewis-Filmen, die derart häufig umgetitelt werden, daß selbst Profis kaum noch wissen, welcher Film sie gerade erwartet.

Früher war es üblich, daß in der Werbung unter dem neuen kleingedruckt auch der alte Titel genannt wurde. Die Branche sollte zu dieser Übung zurückkehren, will sie sich nicht vorwerfen lassen, sie habe die Reeperbahn-Manieren vergangener Zeiten noch nicht überwunden.