Von Felix Spies

Der Rückzug der Briten und der Vormarsch der Perser verliefen nach Plan. Gleichzeitig wurde in London, Oberhausen und Teheran am Mittwoch vergangener Woche pünktlich um 11.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit publik, was trotz monatelanger Verhandlungen bis dahin geheim geblieben war: Der Schah hat einen zweiten Brückenkopf an der Ruhr.

„Die Kaiserliche Regierung des Iran und die britische Babcock & Wilcox Ltd.“, so teilten die vertragschließenden Parteien mit, „geben bekannt, daß sie eine Absichtserklärung unterzeichnet haben, derzufolge Iran von B & W Ltd. deren Beteiligung in Höhe von 25,02 Prozent an dem gesamten Grundkapital der Deutschen Babcock & Wilcox AG, Oberhausen, Westdeutschland, zum Gesamtpreis von 178,3 Millionen Mark erwirbt.“

Siebenundsiebzig Jahre, nachdem sie mit einer eigenen Tochtergesellschaft an der Ruhr Fuß faßte, zieht sich damit die Babcock & Wilcox Ltd. wieder aus Deutschland zurück. Keine neun Monate, nachdem er sich bei der Fried. Krupp-Hüttenwerke AG in Bochum mit einem 25-Prozent-Anteil einkaufte, erwirbt nun Schah Mohammed Resa Pahlevi die zweite Großbeteiligung an einer Perle der deutschen Industrie: Da sein neuer 25-Prozent-Anteil an der Deutschen Babcock aus Stammaktien besteht, zum Grundkapital der Kessel- und Maschinenbau-AG von 127 Millionen Mark jedoch auch 33,2 Millionen Mark stimmrechtslose Vorzugsaktien zählen, kontrolliert der Iran in Oberhausen künftig rund ein Drittel aller Aktionärsstimmen.

„Dies war eine Direktinvestition, die weniger als drei Prozent Rendite abwarf“, so erinnerte sich John L. King, der Verwaltungsratsvorsitzende der Babcock & Wilcox Ltd., an das verkaufte Aktienpaket. Obendrein, so Mister King, habe seine Gesellschaft die Gewinne aus Deutschland nicht steuerbegünstigt einstreichen können – an der Schachtel fehlte eine Kleinigkeit. Das soll nun anders werden: Den Erlös aus dem Anteilsverkauf will die B & W Ltd. in „internationale Investitionen“ stecken, die sehr viel einträglicher sein sollen. Immerhin, eine kleine Freude genossen die britischen Babcock-Manager bereits vorab: Am Tag, an dem der Handel bekannt wurde, stieg der Kurs der britischen Babcock-Aktie in London um 15 auf 87 Pence.

„Iran als die sich am schnellsten entwickelnde Volkswirtschaft der Welt“, so formulierte die Kaiserliche Regierung ihre Erwartungen an die Adresse Oberhausens, „wird einen steigenden Bedarf an der fortschrittlichen Technologie und den modernen Industrieanlagen der Deutschen Babcock & Wilcox haben.“ Ihr kommt es angesichts der Ölmilliarden auf ein paar Prozente Rendite hin oder her nicht an. Trotzdem vermeidet sie den Anschein, als brächte der Beteiligungserwerb Nutzen allein nur dem Käufer: „Die neue Partnerschaft wird wechselseitige Vorteile für den Iran und die Bundesrepublik bringen.“

Die Babcock-Manager in Oberhausen wissen das. Da sie überdies – ebenso wie Bonn und die Berliner Handels-Gesellschaft – Frankfurter Bank, die mit mehr als zehn Prozent Kapitalanteil der zweite Großaktionär der Deutschen Babcock ist – über den Stand der britisch-persischen Transaktion stets informiert wurden, sind sie mit dem Engagement des Schahs zufrieden: „Der Vorstand“, so ließ der Vorstand erklären, „geht davon aus, daß durch die Übernahme des Aktienpaketes durch die iranische Regierung die Geschäftsmöglichkeiten der Gruppe Deutsche Babcock & Wilcox auf dem stark expandierenden iranischen Markt noch weiter intensiviert werden können.“