Von Herbert John

Vor etlichen Jahren fragte mich ein amerikanischer Schauspieler, wie in Deutschland die Talk Shows seien. Als ich erwiderte, es gäbe keine, meinte der Mann: „Wie macht man dann Fernsehen?“ In der Tat ist ein Fernsehprogramm ohne diese Unterhaltungsart kaum vorstellbar, denn durch sie sind fast alle Nachwuchstalente des amerikanischen Schaugeschäfts in den letzten 25 Jahren entdeckt worden.

So wurde ein Platzanweiser von NBC – Charles Nelson Reilly – durch eine einzige Talk Show zum weltbekannten Komiker, genauso erging es dem Fahrstuhlführer Don Knotts und dem Barkeeper Louie Nye. Alles, was den Talentsuchern vor die Nase kommt, wird ausprobiert, zwanglos und kostensparend. Als eine NBC-Mitarbeiterin ein drolliges Gesicht in einer Sandkiste entdeckte, wurde auch dieses ausprobiert. Mason Reese deklassierte den Humoristen Art Buchwald und kassiert jetzt, inzwischen acht Jahre alt geworden, 200 000 Dollar im Jahr.

Das deutsche Fernsehen hat die Existenz von Talk Shows 25 Jahre lang ignoriert, wohl weil es mit dem Ziel angetreten war, das Schießpulver noch einmal zu erfinden. Erst dann nahm es sich dieser Programmform an, doch nicht, um sie bei uns einzuführen, sondern um sie kaputtzumachen. Dietmar Schönherr, der arme Kerl, wies den Vergleich zu den USA einmal mit den Worten zurück: „Man kann viele Dinge nicht übertragen.“ Das erinnert mich an meinen Onkel Hermann, der sich beim Bockwurstessen stets den Schlips bekleckerte und deshalb die These vertrat: „Man kann keine Bockwurst essen.“

Aus der Talk Show wurde zunächst eine Talk-Bindestrich-Show, und der Gastgeber (englisch: host) erhielt den Titel „Talkmaster“, wohl um zu beweisen, daß sich die Zerstörungswut der deutschen TV-Anstalten nicht nur aufs Vergnügen beschränkt; man will auch die deutsche wie die englische Sprache kleinkriegen.

Schritt Nummer eins: Der ARD-Korrespondent in den USA, Müggenburg, wurde gefragt, was es denn mit amerikanischen Talk Shows auf sich habe. Journalisten müssen nicht unbedingt etwas von Unterhaltung verstehen. Am wenigsten wissen davon deutsche TV-Reporter, denn sie fühlen sich als Schopenhauer der Nachrichtengebung, denken stellvertretend für die ganze deutsche Nation über den tieferen Sinn des Weltgeschehens nach. Müggenburg war denn auch ungehalten über die Anfrage, entsann sich aber doch dunkel der Dick Cavett Show.