Von Hayo Matthiesen

Die Nacht, war lang, heiter und harmonisch; am nächsten Morgen machten die polnischen Gäste kurzen Prozeß. Unerwartet und ohne Begründung, höflich, aber entschieden lehnten sie es ab, einem deutschen Papier über die gegenseitigen Beziehungen der beiden Staaten seit 1945 zuzustimmen. Die siebte deutsch-polnische Schulbuchkonferenz, zu der sich in der letzten Woche im Internationalen Schulbuchinstitut in Braunschweig ein Dutzend polnische und etwa doppelt so viele bundesdeutsche Wissenschaftler – die UNESCO-Kommissionen beider Länder – trafen, endete ohne konkretes Ergebnis. Die Polen fuhren anschließend zu offiziellen Besuchen an den Rhein; die Deutschen blieben zurück, etwas ratlos, verunsichert, enttäuscht.

Das hat es noch nie gegeben, seitdem im Februar vor drei Jahren Historiker, Geographen, Schulbuchexperten und -verleger zum erstenmal in Warschau zusammenkamen. Ihre Aufgabe: Eine Bestandsaufnahme der Geschichte und der gegenwärtigen Situation ihrer Völker zu leisten, um die mannigfaltig verzerrenden und verfälschenden Texte in den Lehrbüchern beider Staaten zu korrigieren, durch größere Objektivität und mehr Wahrhaftigkeit eine tausendjährige Geschichte voll Feindschaft, Kriegen und Morden zu entgiften. Erst dadurch könnte dem politischökonomischen Überbau im Verhältnis zwischen der Volksrepublik und der Bundesrepublik eine Basis geschaffen werden, indem die Jugend beider Völker im Geist der Verständigung und Aussöhnung. erzogen wird.

Sonst gab es am Ende der Konferenzen zwar zurückhaltend formulierte, aber doch klare Empfehlungen darüber, wie die deutsch-polnischen Beziehungen dargestellt werden sollten. Diesmal gab es ein Kommuniqué fast nichtssagender Floskeln. Es übergeht die Tatsache, daß sich Deutsche und Polen noch nicht über die Geschichte seit Kriegsende verständigen konnten. Sie war das Thema dieser Tagung, doch offenbar sind die letzten 30 Jahre die problematischsten der vielhundertjährigen Historie – unbewältigte Vergangenheit.

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Was ist wahr?

Im Jahre 1108 riefen ostfälische Herren zum Zug in die Ferne: „Die Heiden sind zwar verworfen, aber ihr Land ist erstaunlich reich. Milch und Honig fließen dort. Es bringt Ernten, für die jeder Vergleich fehlt. So sagen alle Landeskundigen. Deswegen, Sachsen, Franken, Lothringer, Flamen, ihr berühmten Weltbezwinger, auf!“