Zwei Bücher hat Max Beckmann während der Kriegsjahre in seinem Amsterdamer Exil illustriert, die Apokalypse und den II. Teil des "Faust". Es Waren Auftragsarbeiten, der Frankfurter Verleger Georg Hartmann hatte sie bei Beckmann bestellt, sie wurden in kleiner Auflage in der Bauerschen Gießerei publiziert. Die Apokalypse wurde jetzt nach der Originalausgabe, als Propyläen Reprint, neu aufgelegt (80 Seiten, gesetzt in der von Schneidler entworfenen "Legende", mit 27 Lithographien, in 400 numerierten Exemplaren; 280,– DM). Damit ist ein Werk wieder zugänglich, das in der Typographie, in der Qualität der Reproduktionen eine bibliophile Kostbarkeit darstellt und in seinen künstlerischen, geistigen Dimensionen zu den exzeptionellen Leistungen in der Graphik des 20. Jahrhunderts gehört. Beckmann erscheint hier nicht als der unbeteiligte Zuschauer, der von der Loge aus und kühl distanziert das große Welttheater betrachtet. Er ist einbezogen und hineingerissen in das Geschehen. Während er den Text illustriert – "Und ich sah ein ander Tier aufsteigen aus der Erde; und hatte zwei Hörner gleichwie ein Lamm und redete wie ein Drache" –, geraten die verschiedenen Erlebnisebenen durcheinander, Autobiographie, Weltgeschichte, Offenbarung. Und eben aus dieser Unfähigkeit, die Bereiche auseinanderzuhalten, zwischen Pathmos und Amsterdam, zwischen den Visionen der Bibel und der historischen Faktizität die Grenze zu ziehen, resultiert das verzweifelt Chaotische dieser Blätter und ihr singulärer Rang.

Gottfried Sello