Von Klaus Peter Schmid

Paris, im April

Es war eine Sternstunde deutsch-französischer Mißverständnisse. Da wurde der Bundeskanzler plötzlich zum „eisernen Kanzler“. Da war vom „Bonner Diktat“ und von der „Emser Depesche“ die Rede, von „Gleichschritt“ und „Brutalität“ und von der „wiedererstehenden germanischen Macht“. Und das alles, weil die Bundesregierung es gewagt hatte, in Brüssel einen französischen Agrarpreiskompromiß abzulehnen. Paris fühlte die Faust seiner Bauern im Nacken – und schon zogen Frankreichs angesehenste Zeitungen vom Leder wie in alten Tagen.

Dies alles geschah im Herbst 1974. Die Frage hat also ihre Berechtigung: Ist das Bild vom machthungrigen, sendungsbewußten „Boche“ nur übertüncht? Haben zwölf Jahre offiziell besiegelter Freundschaft keine Früchte getragen? Wird das Deutschlandbild in Frankreich von den ewig Gestrigen geprägt, obwohl mittlerweile Millionen junger Franzosen das Nachbarland besucht haben? Wer die, Kriegsfilme im Staatsfernsehen sieht, wer in den Dutzenden jüngst erschienener Nazibücher französischer Autoren blättert, könnte zu diesem Schluß kommen.

Es wäre ein Trugschluß. Das Bild Deutschlands in Frankreich wird zwar gelegentlich mit Begriffen aus einer bösen Vergangenheit drapiert, aber diese Begriffe bewirken nicht mehr so viel wie früher und sie bedeuten auch nicht mehr das Gleiche. Das Deutschland der Nazis dient heute eher den Franzosen als Vehikel, um ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen. Daher die Flut von Büchern, Filmen und Diskussionen, die genau 35 Jahre nach der französischen Niederlage und 30 Jahre nach der deutschen Kapitulation über Frankreich hereinbricht. Es wäre falsch, darin eine neue Welle antideutscher Ressentiments zu sehen.

Das Deutschlandbild der Franzosen leidet vielmehr unter einer ganz anderen Art von Klischees: der Idealisierung der deutschen Tugenden, der unreflektierten Bewunderung. Typisch hierfür ist, was Pariser Oberschüler zu Protokoll gaben, als sie nach Eigenschaften gefragt wurden, die bei Deutschen stärker verbreitet seien als bei Franzosen. Da wurden zuallererst Tapferkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit genannt, dann Gastfreundschaft, Freundlichkeit, Sauberkeit und Ordnungsliebe.

Die Vorstellung vom sauberen, ordentlichen, reichen Deutschen ist auch bei Erwachsenen im Schwange. Bei ihnen wird der starke Nachbar allerdings leicht zum unheimlichen Nachbarn. Die Deutschen sind nicht das Volk der Dichter und Denker, sondern der emsigen Arbeiter und der dynamischen Wirtschaftslenker. Heute gilt immer noch, was das Magazin L’Expansion vor ein paar Jahren formulierte: „Deutschlands Wohlstand wird als Drohung empfunden, weil man sich fragt, ob die Deutschen nicht mit der Mark kaufen, was sie mit den Waffen nicht erobern konnten.“ Und wenn Le Monde unkt, „Frankreich, der ewige Zweite hinter Deutschland“, dann ist das Unbehagen vor einer deutschen Führungsrolle deutlich zu spüren.