Das schlechte Gewissen hat dem DGB-Vorsitzenden Vetter nun doch keine Ruhe gelassen. Drei Stunden nahm er sich am Montagnachmittag Zeit, um aus dem Munde Walter Böhms und zeitweilig auch aus dem Munde Frau Böhms von den Erlebnissen, Zwischenfällen und Erfahrungen zu hören, zu denen er ihnen im November vorigen Jahres mit verholfen hatte. Denn unter anderem auf Grund von Vetter-Hinweisen hatte der Verfassungsschutz und die Bundesanwaltschaft Böhm der nachrichtendienstlichen Tätigkeit für die DDR beschuldigt. Das Ehepaar wurde festgenommen, nach 24 Stunden freigelassen. In der letzten Woche wurde ihm amtlich Schuldlosigkeit bescheinigt. In einer Vereinbarung zwischen DGB und Böhm vom Februar war die fristlose Kündigung in eine Vertragslösung „in gegenseitigem Einvernehmen“ umgewandelt worden; ein Wort des Bedauerns verweigerte Vetter bis dahin.

Die Aussprache, der noch ein Gespräch über Böhms Zukunft folgen soll, hat Vetter aber anscheinend doch betroffen gemacht, so daß plötzlich die lange aufgestellte Behauptung keine Rolle mehr spielt, Böhm hätte wegen Pflichtverletzung und Kompetenzüberschreitungen seine Stelle als Leiter des DGB-Verbindungsbüros in Bonn auch ohne Spionageverdacht verloren. Vetter jetzt: „Andere Fragen, die im Zusammenhang mit der Lösung des Arbeitsverhältnisses eine Rolle spielen, haben angesichts der schweren Zeiten, die Walter Böhm und seine Familie durch das Ermittlungsverfahren erleben mußten, ihre Bedeutung verloren. Wir haben Walter Böhm während des Verfahrens in vollem Umfang versorgt. Selbstverständlich werden wir ihm auch jetzt helfen, eine angemessene berufliche Position zu finden.“

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„Wie ein Erstkommunikant, dem man die Kerze weggenommen hat“ – so wirkte Gerhard Stoltenberg nach seinem etwas unvollkommenen Wahlsieg auf Freunde in der Unionsfraktion. Er hat sich durch sein Auftreten in der Wahlnacht mehr geschadet als durch den Verlust von 1,5 Prozentpunkten. So wirft man ihm vor, er sei zu sehr in Nabelbeschau ausgewichen und habe den Unions-Wahlkämpfern die guten Seiten seines Sieges (große Erfolge in den Städten) nicht aufmunternd und nachhaltig genug nahegebracht.

Der Abgeordnetenberuf verpflichtet anscheinend zu Höherem, zum Beispiel zur Schriftstellerei. Eine Auslese, demnächst zu kaufen: Erhard Epplers Buch „Ende oder Wende – Von der Machbarkeit des Notwendigen.“ Ein Visonär über die Macher?

Willy Brandt steht zusammen mit Bruno Kreisky und Olof Palme mit einer Arbeit über Außenpolitik auf der Ankündigungsliste. Herbert Ehrenberg fühlt sich seinem Vorsatz, alle zwei Jahre ein Buch zu produzieren – seit 1963 eingehalten – verpflichtet: Wenigstens die Taschenbuchausgabe seines „Marx-und-Markt“-Bandes soll erscheinen, wenn möglich eine Sammlung seiner Reden und Aufsätze. Hans Apel ist Opfer seines Bekenntnisses geworden „Ich denk, mich tritt ein Pferd“, das zum Untertitel einer gedruckten „Talk-Show“ wurde: „100 Fragen an den Finanzminister“. Gerade erschienen ist Ulrich Lohmars „Das Hohe Haus“, und das Standardwerk Friedrich Schäfers „Der Bundestag“ ist neu aufgelegt

In der politischen Buchlawine wird freilich FJS den Vogel abschießen, von dem der Seewald-Verlag gleich 100 000 Bände als Erstauflage unter dem bedeutungsschweren Titel: „Der Auftrag“ unters Volk bringen wird. „Deutschland – deine Zukunft“ droht nach dem BamS-Vorabdruck im Herbst als Buch, und käuflich ist auch der Überfluß des Hofschreiben Horlacher: „Strauß in China“. Unfreiwilligen Doppelsinn nach Sonthofen erhielt Richard von Weizsäckers Titel: „Die Krise als Chance“. Rainer Bardel sichtet prophylaktisch seine Notizen. Der oppositionelle Spürhund und Krisenschimmer Gerhard Reddemann geht nicht nur der „Antikapitalistischen Sehnsucht“ (fast fertig) nach, nein, er ist der einzige, den die Begeisterung des Schreibenden aus den politischen Niederungen hinausführt ins weite Feld des Krimis. In diesem Sommer, so sein Vorsatz, wird das Ding fertig: „Couscous in Hamamet“.

Eduard Neumann