Von Rolf Zundel

Noch immer gilt das politische Interesse in der Bundesrepublik einem Problem, das keines mehr ist: Wer wird Kanzlerkandidat der Union? Noch veranstalten die Hilfstruppen erheblichen Gefechtslärm. Die Sozialausschüsse sprechen sich für Kohl aus. Heerscharen von CSU-Politikern aber empfehlen Franz Josef Strauß mit solcher Verve, daß in der Schwesterpartei der Verdacht laut wird, bei diesen Anpreisungen spiele nicht nur die Eignung des CSU-Vorsitzenden für Bonn eine Rolle, sondern auch der Wunsch, ihn der bayerischen Landespolitik fernzuhalten.

Dabei ist die Schlacht längst geschlagen. In Wirklichkeit kann niemand mehr Kohl die Kandidatur abjagen. Freilich sind damit die Probleme der Union nicht gelöst. Erst recht nicht ist Helmut Kohl über den Berg. Für ihn kommt jetzt der schwierigste Teil der Operation Kanzlerkandidatur: die Formierung seiner Mannschaft und die Durchsetzung seines Kurses.

Viel ist die Rede von einer gemeinsamen Wahlkampfplattform. Auf ein solches gemeinsames Papier hatten sich CDU und CSU schon für den Wahlkampf von 1972 geeinigt. Niemand erinnert sich mehr daran – zu Recht, denn es war von unsäglicher Allgemeinheit und Vagheit. Diesmal wird es kaum anders sein. Viel entscheidender ist denn auch, wie die Mannschaft aussieht, die Kohl präsentieren wird. Mehr als alle gemeinsamen Erklärungen wird sie Aufschluß über die Machtverhältnisse in der Union und über ihre künftige Politik liefern.

Da steht auf der einen Seite die Truppe von Kohl: Biedenkopf, Weizsäcker, Katzer in der ersten Linie, in der zweiten vielleicht Kiep und der eine oder der andere aus dem Mainzer Kabinett, zum Beispiel Finanzminister Gaddum. Ihnen steht eine andere Gruppe gegenüber: Strauß, dem niemand die Vizekanzlerschaft streitig machen kann, Dregger, der neuerdings Ambitionen für das Verteidigungsministerium, erkennen läßt, Carstens, dem ein Platz im Kabinett schwer zu verwehren ist, wenn er und Strauß dies wollen, dazu noch einige CSU-Aspiranten, vor allem Richard Stücklen. Und dazwischen Rainer Barzel, der allmählich aus der Rolle des ungebundenen Außenseiters herauswächst und von Kohl sehr pfleglich behandelt wird – der Joker im Kabinettsspiel.

Helmut Kohl muß auf der Hut sein, daß ihm sein Image als liberaler, der praktischen Vernunft verpflichteter Politiker nicht durch ein Kabinett zugestellt wird, das in der Öffentlichkeit ganz andere Assoziationen weckt. Kohl, flankiert von Strauß, Dregger und Carstens in Schlüsselressorts und umgeben von einer kräftigen CSU-Gruppe – es wäre ein Wunder, wenn da nicht von einer Kapitulation des Kanzlers gesprochen würde.

Nun ist kein Kanzler, noch weniger ein Kanzlerkandidat je in seinen Personalentscheidungen souverän. An Strauß und Dregger führt für Kohl kein Weg vorbei. Die Frage ist nur, an welchem Platz sie auftauchen. Wird Dregger seine stramme Haltung in der Innenpolitik vorführen, wo ihm wenigstens Sachkenntnis nicht abzustreiten ist, oder im Bereich der äußeren Sicherheit, wo er gegenwärtig sogar eigene Parteifreunde durch internationale Ahnungslosigkeit und kraftvollen Dilettantismus in Schrecken versetzt? Wird Strauß sich mit dem Finänzressort zufriedengeben, oder fühlt er sich zum Außenminister berufen?