Von Dieter E. Zimmer

Daß das erste Buch einer Vierundzwanzigjährigen sogleich in die hehren Reihen des Suhrkamp Verlags eingeht; von den Kritikern, im Für und Wider, als immerhin ein Schlüsselwerk der Jahre herausgestellt wird; daß die Medien die Autorin auf der Stelle in den Wirbel des sogenannten literarischen Lebens reißen, bis sie, selber nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht; daß eine Millionen-Öffentlichkeit über Einzelheiten ihrer Diät Bescheid erhält; daß ihr zweites Buch dann schon gar nichts anderes mehr sein kann als ein „Ereignis“ – oft geschieht dergleichen nicht. Es ist die bisherige, die kurze und heftige Laufbahn von Karin Struck.

Von ungefähr kommt eine solche Laufbahn nicht. Woran liegt es? Die üblichen Erklärungen versagen hier. Kein Skandal, keine Affären haben Karin Struck bekanntgemacht. Keine „Promotion“-Einfälle der Werbeleiter haben nachgeholfen. Die Buchkritik hat sich nicht furios für sie geschlagen; man kann noch nicht einmal sagen, daß sie die Härteprüfung, der sich jeder Autor unterwerfen muß und die Literaturkritik heißt (die feinere Sprache der Feuilletons täuscht darüber hinweg, daß hier ständig gründlichere Vernichtungen stattfinden als in manchen scheinbar ruppigeren Bereichen des öffentlichen Lebens), besonders siegreich überstanden hätte.

Wo also ist der Grund zu suchen? Hier sollen nicht etwa Karin Strucks Bücher noch einmal rezensiert werden; hier geht es nicht um ein weiteres Psychogramm der Autorin; hier will niemand das letzte Wort haben. Hier soll zunächst nur festgehalten werden, was meist erst viel später auffällt, dann, wenn die Literatur zur Literaturgeschichte gerinnt: Es ist hier offenbar etwas Ungewöhnliches geschehen. Warum? Die Antwort kann nur eine Reihe von Vermutungen sein.

Karin Struck ist mitten in der Protestbewegung zu Bewußtsein gekommen. Die Neue Linke war das Element, in dem sie sich zu definieren hatte. Schon die Bugwelle von Gerüchten, die 1973 ihrem ersten Buch, der „Klassenliebe“, vorausging, machte das deutlich: Da sollte ein klassenbewußtes Arbeiterkind von seinen klassenspezifischen Sorgen sprechen – unter all den Bürgern, die ihr Herz fürs Proletariat entdeckt hatten, eine authentische Proletariern. Das war das eine Signal.

Das zweite: daß die „Klassenliebe“ im Programm gerade des Suhrkamp Verlags auftauchte, in dem zwar viel über das Proletariat theoretisiert wurde, aber auf einem für das Proletariat selbst unzugänglichen Abstraktionsniveau. Hier bestand die Aussicht auf einen Brückenschlag: Auf ein Stück „richtiger“ Literatur aus „richtigem“ Arbeitermilieu hatte man seit Jahren gewartet.

Drittens: „Klassenliebe“ erschien in einem Augenblick, als die Protestbewegung nicht mehr über ihre Krise hinwegsehen konnte und sich selber fraglich wurde. Die Neue Linke war groß gewesen in der Kritik, aber sie hatte nicht nur den Widerstand unterschätzt, sondern war auch unfähig gewesen, aus sich heraus ein alternatives Lebensprogramm zu entwickeln, das der Umwelt als ein überzeugendes Exempel dienen konnte. 1973 war die Zeit der großen kollektiven Aktionen vorbei, die großräumigen Schlagworte wurden auch den Anhängern immer mehr leid. Es begann eine Phase der Besinnung. Wieder zählte das jahrelang verschriene Individuum. Die „Neuentdeckung des Ichs“, die „Neue. Innerlichkeit“ war nicht, jedenfalls nicht immer, Eskapismus, resignierter Rückzug auf die eigene Person; sondern vielmehr die subjektive Verarbeitung einer gemeinsamen politischen Enttäuschung. Genau hier war die „Klassenliebe“ angesiedelt: individuelle Verselbständigungsliteratur.