Von Jagdish Joshi

Indien als Land des Hungers und der schier unlösbaren Bevölkerungsprobleme ist jedermann geläufig. Indien als Land märchenhaften Reichtums und orientalischer Prachtentfaltung gilt dagegen nur als Erinnerung an lang vergangene Zeiten. Doch Paläste als Domizil einer privilegierten Oberschicht, die zumeist den alten Kasten entstammt, finden sich nicht nur an historischen Plätzen in den alten Hauptstädten des Subkontinents. Sie schießen auch heute noch in den feudalen Vierteln der Hauptstadt New Delhi wie Pilze aus dem Boden. Riesige weiße Kästen umgeben von blumigen Gärten bezeugen im Süden der Stadt das Wirtschaftswunder der Reichen von New Delhi.

Wer sind die Leute, deren Kinder morgens von livrierten Chauffeuren im Cadillac in teure Privatschulen gefahren werden und deren Frauen sich von einer fünfköpfigen Dienerschaft umhegen lassen? Es sind beispielsweise ein Bauunternehmer, der hier neben dem ehemaligen Maharadscha residiert, ein Arzt, der seine Luxusvilla neben dem Palast eines zu raschem Reichtum gelangten Kaufmanns errichtet hat – um nur vier typische Beispiele zu nennen.

Dem Maharadscha sind auch nach der politischen Entmachtung große Ländereien geblieben. Die von allen Steuern befreiten landwirtschaftlichen Erträge hat er in städtischem Grundbesitz angelegt. Er ließ zunächst ein Haus errichten, das ihm monatlich Mieteinnahmen von mehreren tausend Rupien einbringt und fügte ihm nach und nach weitere einträgliche Bauten hinzu.

Der Bauunternehmer kommt besonders rasch zu Reichtum. Staatliche Aufträge, die ihm dank guter Beziehungen zu einflußreichen Beamten zugeschanzt werden, sind der Zauberschlüssel. Bei dem verwandten Material wird sowohl an Quantität wie an Qualität nach Kräften gespart und die Differenz in die eigene Tasche gewirtschaftet. Die übliche Profitspanne eines Bauunternehmers wird auf fünfzig Prozent des Auftragswertes geschätzt. Allerdings ist das noch kein Reingewinn, denn ein Fünftel der Summe muß als „Arbeitskapital“ wieder investiert werden – in die „Warmhaltung“ von Beamten zur Sicherung des nächsten Auftrages.

Umgang mit der Steuer

Kaufleute können ihren Reichtum mehren und Luxuspaläste in Delhi errichten, obwohl sie den drakonischen indischen Steuergesetzen unterliegen, die bei Spitzeneinkommen paradoxerweise eine Besteuerung bis zu 110 Prozent vorsehen. Doch derartige steuerliche Unbill vermeidet der kluge Geschäftsmann, indem er sich selbst nur ein bescheidenes Einkommen zubilligt, dafür aber sämtliche zur Verfügung stehenden Verwandten als Direktoren in die Firma aufnimmt und diesen ebenfalls mittlere Gehälter zahlt. Auf diese Weise geht die Familie der ärgerlichen Steuerprogression erfolgreich aus dem Wege und der materielle Aufstieg des Clans ist gesichert. Die Ernennung der Verwandten ist nur eine Formalität und bringt keine Verpflichtung zur Arbeitsleistung mit sich, Das Parasitentum wird nicht etwa als Schande empfunden, sondern als gehobener Lebensstil.