Glück muß man haben. Neulich saß ich ziemlich gelangweilt im Bahnhofsrestaurant zu Fulda herum, als mir ein Gesicht am Nebentisch wegen seiner geradezu strahlenden Intelligenz auffiel.

Als die anderen Gäste gegangen waren, kamen wir ins Gespräch. Irgendwie kamen wir auf die Tendenzwende, und an dem leisen Lächeln meines Gegenübers merkte ich, daß er mehr darüber wußte als unsereiner. Schließlich rückte er damit heraus. Der Gedanke, daß es sich dabei um einen rätselhaften Umschwung handele, der wie Jahreszeit und Wetter von niemandem, keiner Person und keiner Institution „gemacht“ werden könne, amüsierte ihn gewaltig. Er ließ durchblicken, daß er selber zu einem Team gehöre, das sich als Trendwender-Team bezeichne. Auf meine Frage nach den Methoden dieser Wende gab er ein Kurzexposé, das ich gleich nach seinem Weggang notiert habe.

1. Die wirkungsvollste und schnellste Trendwende-Methode ist die dialektische. Entgegen der Behauptung analytisch-positivistischer Technologen ist nämlich die Dialektik eine durchaus praktische Wissenschaft. Man darf ihre Handhabung nur nicht denen allein überlassen, die sich selber Dialektiker nennen. Die Franzosen nennen die von uns bevorzugt gehandhabte dialektische Figur „passage à la limite“, zu deutsch könnte man sagen: das Bis-zur-Grenze-Gehen, um den Umschlag herbeizuführen. Nehmen wir die Schulpolitik. Wenn man die liberalen Tendenzen in der Erziehung wenden will, dann ist nichts verkehrter als die Propagierung konservativ-autoritärer Methoden. Sehr viel wirksamer ist es, auf dem Gebiet der Liberalisierung immer weiter zu gehen, bis das Erziehungswesen selber zusammenbricht. Nehmen wir die Sexualaufklärung. Niemand konnte sich dieser vernünftigen Forderung entziehen, bis einige unserer Mitarbeiter auf die Idee kamen, massenhaft pornographische Lieder, Filme und Bilder für den Schul- und Kindergartengebrauch einzuführen, und schon war die ganze Richtung in Verruf. Ähnlich auf dem Gebiet der Notengebung. Alle Pädagogen geben zu, daß Notengebung oft, wenn nicht fast immer ein Mittel der Repression statt der Förderung ist. Man braucht aber nur das Prinzip bis zum völligen Verzicht auf jede Leistungskontrolle weiterzuführen, und es wird „ad absurdum geführt“, wie die deutsche Sprache dieses Wendeverfahren sehr richtig charakterisiert. Es ist natürlich naiv, anzunehmen, die liberalen Neuerer hätten diese Radikalisierung“ ihrer Prinzipien selber eingeleitet. Wir, die Trendwender, haben durch Benützung des von der freien Marktwirtschaft her so gut vertrauten Konkurrenzmechanismus dafür gesorgt, daß es dazu kam. Niemand will beim Wettlauf um Fortschrittlichkeit zurückbleiben.

2. Die zweite von uns praktizierte Trendwende-Methode baut gleichfalls auf dem menschlichen Nachahmungstrieb auf, diesmal auf dem Wunsch erfolgloser Konkurrenten, die Erfolgsmethoden von „Spitzenkönnern“ zu imitieren. Sie erinnern sich wahrscheinlich noch daran, daß vor zehn und mehr Jahren junge progressive und intelligente Lehrer bei Schülern von Grundschulen wie bei Gymnasiasten allgemein beliebt waren und überragende „Lehrerfolge“ aufweisen konnten. Wir gingen nun davon aus, daß alle jungen Lehrer (und ehrgeizige ältere) gern ebensolche Erfolge haben würden, und lieferten ihnen eine einfache Anpassungsmethode: Wir unterstellten, daß der Erfolg jener engagierten Junglehrer allein auf der Verwendung bestimmten progressiver Reizworte beruht, und brachen unseren „Kunden“ in kurzer Zeit diese Reizworte bei: Progressivität, Emanzipation, Sozialismus, wissenschaftlicher Kommunismus, Internationalismus, Abbau hierarchischer Strukturen ... Durch die Konkurrenz unter unseren Nachhilfezöglingen (den erfolglos gewesenen Junglehrern) entstand obendrein abermals der oben beschriebene dialektische Effekt: adabsurdum-Führung durch Übertreibung. Der eigentlich zweite Trendwende-Mechanismus beruhte aber auf der unverstandenen und unintelligenten Verwendung jener Reizworte, deren Diskreditierung wir beabsichtigten. Wenn früher in katholischen Internatsschulen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit der Heilige Vater oder ein vorbildlicher Heiliger auftauchte, so nun die progressive Vokabel. Bald wurden intelligente Schüler es müde, auf jede beliebige Frage nur mit einem monotonen: „Karl Marx und der wissenschaftlichke Kommunismus“ antworten zu müssen. Der Gegenschlag – die Trendwende – setzte ein.

Wenn der dialektische Mechanismus unserer ersten Methode populär mit der Formel: Trendwende durch Übertreibung charakterisiert werden kann, so der zweite: Tendenzwechsel durch stumpfsinnige Imitation.

3. Die dritte Methode ist eine publizistische Aktion, für die wir uns die Erfahrung der Börsenleute zunutze gemacht haben, wie denn überhaupt unser Team seine Erfolge in erster Linie seinem unkonventionellen Methodenpluralismus verdanken dürfte. An der Börse heißt es bekanntlich: Der Boom erzeugt den Boom, die Baisse nährt die Baisse. Man kann eine Baisse herbeireden (oder wenigstens beschleunigen), weil niemand der Letzte sein will, der aus einem ins Tal sausenden Zug aussteigt. So verführen wir mit dem „Genossen Trend“. Wir sorgten dafür, daß in uns „nahestehenden“ (und zum Teil auch fernerstehenden) Presseorganen (und anderen „Medien“) in regelmäßigen Abständen Meldungen über Erfolge der CDU/CSU und Mißerfolge der SPD erschienen. Diese Meldungen beruhten sämtlich auf kontrollierbaren Fakten. Unsere ganze Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, daß ständig nur solche Fakten zur Hand waren. Bekanntlich ist ja die richtige Auslese das Geheimnis erfolgreicher Tendenz-Publizistik. Ich nenne nur ein paar Beispiele: „In X-Dorf sind mehrere Arbeiter aus der SPD ausgetreten“, „In Y hat es eine Korruptionsaffäre unter Bauunternehmern gegeben, an der ein SPD-Stadtrat beteiligt war“ ... Um den Eindruck absoluter Fairness – trotz der tendenziösen Auswahl – zu erzeugen, empfiehlt es sich von Zeit zu Zeit, „tröstliche“ Kurzmeldungen zu bringen, die der SPD günstig sind, zugleich aber erkennen lassen, wie mühevoll die Suche war, die schließlich zur Entdeckung einer Information wie der folgenden geführt hat: „Der höchste Berg Deutschlands noch fest in der Hand der sozial-liberalen Koalition: von den 34 ständig auf der Zugspitze wohnenden wahlberechtigten Personen gaben bei der letzten Kommunalwahl 18 ihrer Stimmen der SPD und 5 der FDP; damit hat die Bonner Koalition wenigstens noch an dieser abgelegenen Stelle eine klare Mehrheit.“

Als der Unbekannte gegangen war und ich mir seine Ausführungen noch einmal vergegenwärtigte, begann ich mich zu fragen, ob dieser Trend-Wender nicht insgeheim ein Sympathisant der sozial-liberalen Koalition ist, der durch seinen gelassen und scheinbar beiläufig begangenen Geheimnisverrat den Erfolg der Arbeit seines – wie er durchblicken ließ – wohldotierten Teams zunichte zu machen sucht. Es kann aber auch sein, daß er nur um seinen Job fürchtet, weil der Erfolg allzu schnell eingetreten ist und er sich durch ein bißchen Sabotage nur vor der drohenden Arbeitslosigkeit sichern wollte.

Warum aber wendet die sozial-liberale Koalition jene Tendenzwende-Methoden nicht selber an, gewissermaßen als Wende-Wende-Methoden? Die Frage ist kaum zu beantworten. Vielleicht aber verläßt sie sich darauf, daß F. J. S. die Arbeit freiwillig und kostenlos für sie übernimmt. Natürlich könnten einige Passagen seiner Sonthofener Rede auch von einem in die CSU eingeschmuggelten, bezahlten sozial-liberalen Trendwender entworfen sein. Sollte es Geheimagenten im Stabe des großen Bayernchefs geben? Ein Abgrund von Bayern-Verrat?