Entspannung ist noch immer ein fernes Ziel. Die Ostverträge waren bloß ein Anfang; die Genfer Sicherheitskonferenz (siehe Seite 4) ist bestenfalls ein unschädlicher, aber nichts bewirkender Zwischenakt. Wirkliche Entspannung setzt Bewegung und Wandel voraus – auch im sowjetischen Lager. Nicht, daß dort nicht mehr der Kommunismus herrschen dürfe; aber wenn Entspannung mehr sein soll als eine westliche Girlande an östlichen Grenzzäunen, muß es ein Kommunismus mit menschlichem Antlitz sein.

Hinter den rituellen Entspannungs-Litaneien des Ostens verschwindet diese Wahrheit allzu oft. Die dortige Praxis erinnert indes immer wieder einmal daran, daß der Kommunismus noch das harsche Antlitz der Diktatur trägt. „So läßt sich leicht regieren, aber gleichzeitig ist es äußerst abträglich für den Sozialismus, nicht nur in der Tschechoslowakei.“ Der diesen Satz formulierte, einen Augenblick lang aus der Versenkung der Geschichte auftauchend, war kein anderer als Alexander Dubček, der Wortführer des niedergewalzten Prager Frühlings von 1968. Seitdem kläfft die Meute der Agitpropagandisten.

Neuerdings hat sie auch den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme angenommen, der sich für Dubček eingesetzt hatte, dessen Ankläger „Kreaturen der Diktatur“ nannte und unumwunden erklärte, die Mehrheit des Volkes, hasse und verachte diese Diktatur. „Brunnenvergifter“, zetert das Neue Deutschland. Aber warum es nicht deutlich sagen? Die Ostverträge stehen; der Ost-West-Handel blüht, wo er Vorteil verspricht; die Genfer Sicherheitskonferenz schleppt sich in der öden Bedeutungslosigkeit bürokratischen Tauziehens dahin. Wirkliche Entspannung jedoch, Ausgleich und Kooperation aus vollem Herzen und Annäherung auf Dauer, wird erst möglich sein, wenn kein Alexander Dubček mehr klagen muß.

Th. S.