Außenminister Henry Kissinger erläuterte vor dem amerikanischen Redakteursverband die Grundlinien der künftigen Außenpolitik Washingtons. Er sagte unter anderem:

Was andere Nationen von uns halten, ist von größter Wichtigkeit. Jeden Tag sehe ich Berichte unserer Botschaften, in denen ängstliche Anfragen unserer Freunde zum Ausdruck gebracht werden. Wie beeinträchtigen die Ereignisse in Indochina, wie die Entwicklung an der Südflanke der Nato oder im Mittleren Osten, die Bündnistauglichkeit der Vereinigten Staaten von Amerika, unsere Beständigkeit, Glaubwürdigkeit und Stoßkraft? Wie wird Amerika darauf reagieren? Was sind die Auswirkungen für den zukünftigen Kurs der amerikanischen Außenpolitik?

Wir können am weltweiten Urteil über unser Verhalten in der Vergangenheit wenig ändern. Aber es liegt in unserer Hand, die Zukunft zu gestalten: Wenn die Vereinigten Staaten auf Herausforderungen mit Würde reagieren, wenn wir der Welt klarmachen können, daß wir weiterhin zusammenhängende, geschlossene Vorstellungen über eine konstruktive internationale Rolle Amerikas und auch den Willen haben, diese Vorstellungen durchzusetzen, dann können wir eine neue Ära voller schöpferischer Leistungen und Erfolge einleiten. Dies zu tun, ist unsere Absicht.

Dieses Land hat keine andere Wahl. Wir müssen aus unserem eigenen Interesse in der Welt eine Führungsrolle spielen. Wir besitzen die nötigen Mittel und den Willen, die Herausforderung in eine Chance umzuwandeln. Laßt uns die richtigen Lektionen aus den jüngsten Prüfungen lernen. Wir werden den Preis für unsere Schläge in Indochina bezahlen müssen, indem wir unsere Anstrengungen verstärken. In der Ära der amerikanischen Vorherrschaft ließen sich unsere Wünsche leicht durchsetzen. Wir waren in der Lage, unsere Probleme aus eigener Stärke zu lösen. Wir waren nicht darauf angewiesen, es jenen Staaten gleichzutun, die ihre Außenpolitik mit begrenzten Mitteln führen müssen.

Wir sind immer noch der stärkste selbständige Einzelfaktor auf dem internationalen Parkett – aber wir sind eine Nation unter vielen. Das Gewicht unseres Einflusses hängt jetzt ganz entscheidend von unserer Entschlossenheit, unserer Ausdauer, unserer Phantasie, unserer Macht und Verläßlichkeit ab.

Eine Lehre aus Vietnam besteht darin, daß jede neue Bindung unserer nationalen Ehre und unseres Prestiges sorgfältig geprüft werden muß. So wie Walter Lippman feststellte: „Im Bereich der auswärtigen Beziehungen kann Von einer Politik erst gesprochen werden, wenn sich eingegangene Verpflichtungen und Macht die Waage halten.“ Aber gerade nach unseren jüngsten Erfahrungen müssen wir sicherstellen, daß die von uns übernommenen Verpflichtungen buchstabengetreu eingehalten werden und daß alle Betroffenen dies verstehen. Kein Verbündeter soll an unserer Standhaftigkeit zweifeln, kein Staat soll je wieder glauben, daß er ein feierlich mit den Vereinigten Staaten unterzeichnetes Abkommen ungestraft einfach zerreißen könne.

Wir müssen unsere Politik der Entspannung fortsetzen. Aber wir werden darauf beharren, daß eine nur selektive Entspannung nicht möglich ist. Wir werden nicht vergessen, wer Nordvietnam die Waffen geliefert hat, durch deren Einsatz Hanois Unterschrift unter dem Pariser Abkommen zur Farce wurde.

Und wir können auch die traurige Tatsache nicht übersehen, daß kein anderer der Pariser Signatar-Staaten auf unser wiederholtes Drängen eingegangen ist, die flagrante Verletzung dieser Abkommen durch Nordvietnam wenigstens zu verurteilen. Ein solches Schweigen muß alle Grundsätze eines international verantwortungsvollen Verhaltens, aushöhlen.“