Für das Regime der Generäle in Saigon hat die Stunde geschlagen

Von Karl-Heinz Janßen

Mene, mene, tekel, upharsin – die Feuerzeichen an der Wand des Palastes des Präsidenten wollten nicht mehr weichen. Am Mittwoch überrannten die Feinde seine Heimatstadt Phan Rang am Südchinesischen Meer; am Donnerstag streckten seine kambodschanischen Bundesgenossen in Pnom Penh die Waffen vor den Roten Khmer; am Sonntag verlor er den Funkkontakt zu den Verteidigern von Xuan Loc, der letzten Bastion vor den Toren Saigons; am Montagabend trat General Nguyen Van Thieu, seit acht Jahren Staatspräsident der vietnamesischen Republik, von seinem Amt zurück. Er kapitulierte fünf Minuten vor zwölf. Er wich nicht nur der Übermacht seiner Feinde, als sich die Divisionen Nordvietnams zum Sturm auf Saigon sammelten, er gab auf, weil ihn – so seine Version – das große Amerika im Stich gelassen hatte: "Die Vereinigten Staaten haben ihre Versprechungen nicht gehalten. Das ist unfair. Das ist unmenschlich. Das ist nicht vertrauenswürdig. Es ist schlicht unverantwortlich."

So sprach beim tränenreichen Abschied der Mann, den Richard Nixon einmal "einen der vier oder fünf größten Politiker der Welt" genannt hatte. So barst der letzte Pfeiler des Bollwerks, das John Foster Dulles, der amerikanische Außenminister des Kalten Krieges, in Vietnam gegen die kommunistische Aggression hatte aufrichten wollen. Wie letzter Hohn lasen sich die Worte Henry Kissingers, die am selben Tage von L’Express wiedergegeben wurden: Amerika werde den Präsidenten Thieu nicht zum Rücktritt zwingen, um eine friedliche Regelung des Waffenstillstandskrieges zu erreichen. Denn nichts hatten Regierung und Kongreß in Washington die letzten Tage sehnlicher erwartet.

Sie waren des starrsinnigen kleinen Generals überdrüssig geworden, der immer noch die Schlachten von vorgestern schlagen wollte und zu guter Letzt den Exodus der letzten Amerikaner aus Saigon blutig zu vereiteln drohte. Alle Kro-• kodilstränen des Präsidenten Ford können nicht die Tatsache verwischen, daß Amerika den Duo dez-Diktator in Saigon bereits vor zwei Jahren aus der Weltgeschichte gestrichen hat. Er durfte nur noch ein Weilchen das Gnadenbrot essen, und auch das wurde ihm schließlich entzogen.

Jetzt hat die International Herald Tribüne gut hinterherreden: Thieus schwerwiegendste Sünde sei es gewesen, daß er mit seinen Waffen die Nordvietnamesen und Vietcong nicht besiegt habe – als hätte er jemals leisten können, was die Amerikaner mit weit besseren Truppen und weit mehr Waffen auch nicht geschafft haben. Es ist schnöde gehandelt, den einst prämiierten Musterknaben der pazifischen Allianz als Prügelknaben zu mißbrauchen. Nguyen Van Thieu war das Geschöpf der Großmacht Amerika – sie blies ihm den Odem ein, und sie blies ihm das Lebenslicht aus, nicht erst jetzt, sondern bereits im Herbst 1972. Thieu war so frei, in seiner Abschiedsbotschaft die Amerikaner daran zu erinnern, daß sie ihn in die unmögliche Lage gebracht haben, aus der es für ihn kein Entrinnen mehr gab.

Militärischer Schneid