Der sozialistische Schatzkanzler Denis Healy steuert auf harten Deflationskurs

Gegen Ende des Jahres, so schätzt der englische Schatzkanzler Denis Healy, werden wahrscheinlich eine Million Briten oder vier Prozent der Beschäftigten arbeitslos sein. Aber statt die Nachfrage deshalb anzufeuern, kürzt er sie noch: Er erhöht die indirekten Steuern und die Einkommensteuer, stellt für das nächste Jahr eine Kürzung der Ausgabenansätze im Staatshaushalt in Aussicht und sammelt die vor den letzten Wahlen ausgeteilten Lebensmittelsubventionen wieder ein.

Der Schatzkanzler weigert sich, der Volkswirtschaft einen Schuß Inflation zu verabreichen, weil die Teuerungsrate auf über zwanzig Prozent geklettert ist und in der Zahlungsbilanz in diesem Jahr ein Defizit von 15 Milliarden Mark klaffen wird, das erneut durch Kreditaufnahme im Ausland gedeckt werden muß.

Aber das Geschäft der Inflation, gegen das sich Denis Healy sperrt, wird derweil von den Gewerkschaften besorgt: Nach dem über 30prozentigen Lohnabschluß im Kohlenbergbau, den Arbeitsminister Michael Foot noch als „gut für das Land“ begrüßt hatte, sind die Dämme gebrochen. Im öffentlichen Bereich wurden Tarifabschlüsse mit Lohnerhöhungen von rund dreißig Prozent die Regel. Sie sind ein Hauptgrund für das riesige Defizit im Staatshaushalt. Der amtliche Index weist eine Erhöhung der Lohnsätze gegenüber März 1974 um 32,5 Prozent aus. Die Zunahme der Durchschnittsverdienste liegt knapp unter 30 Prozent.

Die Reaktionen aus dem Gewerkschaftslager lassen deshalb nicht erwarten, daß Healys orthodoxe Budgetmaßnahmen nun eine Periode der Lohnmäßigung einleiten. Eine Reihe von Gewerkschaftsführern ist empört darüber, daß ein sozialistischer Schatzkanzler das Mittel der Arbeitslosigkeit als wirtschaftspolitische Waffe einsetzt. Und sie glauben ihm nicht, wenn er dies in Abrede stellt. Zum anderen fügt Healy durch die Steuererhöhungen dem Index der Einzelhandelspreise, der im März rund 21 Prozent über dem Stand vom März 1974 lag, fast drei Prozent hinzu. Diese Verteuerung und die Erhöhung des Einkommensteuersatzes von zwei Prozent durch Lohnerhöhungen auszugleichen, wäre „falsch, schädlich und schließlich vergeblich“, warnt Healy, aber Gewerkschaftsführer haben schon zu erkennen gegeben, daß sie ihre Lohnforderungen an der laufenden Inflationsrate orientieren werden.

Dreht sich diese Spirale tatsächlich weiter, dann wird sich das Spiel wiederholen, daß der Schatzkanzler einen Teil der Löhne wegsteuert, den sich Großbritannien leisten zu können glaubt. Es sei denn, die Regierung vergißt ihr Versprechen, keine Lohnkontrollen einzuführen.

Die Nation leistet sich einen Lebensstandard, so mahnt Healy, der von ihrer wirtschaftlichen Leistung nicht getragen wird. Denn für jedes Pfund, das die Briten ausgeben, pumpen sie fünf Pence im Ausland. Wenn Großbritannien nicht Schritte unternimmt, das eigene Haus in Ordnung zu bringen; „wird die Geduld unserer Gläubiger bald erschöpft sein“, warnt der Schatzkanzler, und er malt seinen Landsleuten ein Horrorgemälde: „Wir würden dann mit der schrecklichen Vorstellung konfrontiert, uns in ein paar Wochen mit öffentlichen Diensten und einem privaten Lebensstandard abfinden zu müssen, die wir allein aus dem bestreiten könnten, was wir verdienen. Ich glaube nicht, daß unser politisches und soziales System eine solche Anspannung aushalten kann.“