Von Dieter Wellershoff

Ein Gedicht wird gemacht, ein Gedicht stellt sich ein – beides ist wahr. Daß es gemacht wird, daß man es bis zu einem gewissen Grade lernen kann, ein Gedicht zu machen, das war allen Epochen, die eine ars poetica hatten, selbstverständlich und ist von Edgar Allan Poe für die Moderne gegen die romantische Inspirationslehre wiederentdeckt worden. Aber sein Beharren auf dem rationalen Kalkül, seine Forderung, in einem Gedicht solle sich nichts dem Zufall oder der Intuition verdanken, es solle vielmehr „Schritt für Schritt bis zum Abschluß mit der Präzision und ungebrochenen Folgerichtigkeit einer mathematischen Berechnung“ entstehen, hat Züge einer zwanghaften Abwehrhaltung gegen unbeherrschte Impulse und Triebkräfte und spricht für deren beängstigende Macht. Poe fühlte sich so bedroht von seinen unbewußten Phantasien, daß er bemüht war, das Schreiben einer totalen rationalen Kontrolle zu unterwerfen, das heißt, sich und anderen einzureden, es sei so, denn tatsächlich ist ja sein Werk der unübersehbare Ausdruck seiner Zwangsvorstellungen oder jedenfalls seines Kampfes gegen die dunklen Bereiche seiner Person, die ihn immer wieder zu überschwemmen drohten.

Auch gegenwärtig ist es aktuell und opportun, vom Machen und von der Machbarkeit des Gedichtes zu reden. Das entspricht technokratischem Denken, hat einen kybernetischen Touch, und vielleicht spielt auch eine demokratische Schamhaftigkeit hinein: Man will den Verdacht abwehren, das Schreiben von Gedichten und der Umgang mit Gedichten könnte etwas Exklusives sein. Rationalität steht auch hier für gesellschaftliche Kontrolle und Honorigkeit.

Solche Ängste führen zu einer falschen Vorstellung vom Schreiben. Indem man die technischen, rationalen Momente überbetont und die unbewußten Anteile verleugnet, kürzt man dem kreativen Prozeß seine Dynamik weg und kann nicht mehr verständlich machen, wieso überhaupt etwas Bestimmtes entsteht und wie Neues zustande kommt. Wenn alles nach Plan geschieht, dann hat man auch schon alles vorher gewußt und bleibt in den Grenzen seines Bewußtseins eingesperrt. Allenfalls kann der methodisch eingesetzte Zufall etwas Neues hervorbringen. Doch dieses mechanisch hervorgebrachte Neue kann völlig belanglos sein. Alle diese methodisch erzeugten Varianten verschwinden in der Langeweile der schlechten Unendlichkeit, in der die Unterschiede sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Es ist nicht das Aufblitzen eines neuen Sinns.

Anfangen heißt wählen, und zunächst repräsentiert sich der Widerstand dagegen als leeres weißes Papier. Man kann noch alles darauf schreiben, alles mögliche, und das bedeutet, man hat noch nichts zu sagen. Wie diese Beliebigkeit überwinden, wie einen Anfang machen? Ich glaube, daß die Wahl schon getroffen ist, bevor man es weiß. Es fängt an, nicht ich fange an, ich komme dann erst dazu und nehme den Vorgang in meine Regie.

Ich will jetzt nur von mir selber sprechen, so wie Poe das auch tat, von meiner Erfahrung mit dem Schreiben von Gedichten. Fast immer ist eine Vorgabe da, die nicht aus dem Nachdenken kommt, sondern sich einstellt, so daß ich sagen kann: Das Gedicht beginnt von selbst.

Was zuerst da ist, braucht nicht die erste Zeile zu werden, nicht einmal ein unveränderter Bestandteil des späteren Gedichtes, sondern muß nur offene Anschlußmöglichkeiten haben, Lücken, unbesetzte Wertigkeiten, damit es andere Vorstellungen und andere Wortverbindungen zu seiner Verstärkung und Verdeutlichung herbeiruft. Mitten in dem dauernden halbbewußten Gedankenstrom, dem inneren Reden, das immer, fast unbemerkt abläuft, wenn man sich nicht gerade auf etwas konzentriert oder aber traumlos schläft – in diesen vagen Zwischenzuständen des Bewußtseinslebens kann eine solche widerständige Einzelheit auftauchen, ein fragmentarischer Satz, eine Vorstellung, die nicht sofort wieder erlischt. Sie hat vielleicht den Charakter eines Rätsels, sie ist anwesend und abwesend, nicht ganz einlösbar, nicht ganz zu sich selbst gekommen, doch schon deutlich genug, um zu erkennen zu geben, daß etwas darin steckt, was man wissen will, was einen angeht in einem noch nicht geklärten Sinn.