Die Aktien der drei deutschen Großbanken werden an der Börse recht unterschiedlich bewertet. Wie Sie aus unserer nebenstehenden Tabelle deutscher Aktienkurse erkennen können, meine verehrten Leser, liegt zwischen dem Kurs der Deutschen Bank und der Dresdner Bank eine Differenz von etwa 90 Mark; die Commerzbank-Aktie folgt der Dresdner Bank mit einem Abstand von rund 30 Mark. Nach der alljährlichen Bilanzrunde taucht immer wieder die Frage auf: Sind diese Kursunterschiede gerechtfertigt?

Ob die Kursdifferenzen ihrer Höhe nach „stimmen“, vermag niemand zu sagen. Dazu fehlen einheitliche Maßstäbe. Daß die Rangfolge richtig ist, bedarf heute keiner Beweisführung mehr. Zu keiner Zeit ist die Spitzenstellung der Deutschen Bank so unangefochten gewesen wie in den letzten beiden Jahren. Während die Commerzbank und die Dresdner Bank 1973 einen Rückgriff auf die Reserven machen mußten, um ihre Dividendensätze aufrechterhalten zu können, hatte die Deutsche Bank so etwas nicht nötig. Um so leichter fiel es ihr daher auch, die Aktionäre an dem guten Bankenjahr 1974 mit einer Dividendenerhöhung von neun auf zehn Mark teilhaben zu lassen.

Bei der Dresdner Bank will man das schwierige Jahr 1973 noch für einige Zeit „im Gedächtnis“ behalten und der Substanzanreicherung den Vorrang einräumen. Bei der Commerzbank besteht zumindest die Aussicht, daß sie für 1975 ihre Dividende aufstocken und wahrscheinlich auf neun Mark bringen wird. Sowohl der Vorstand der Dresdner Bank als auch der Commerzbank sind der Ansicht, daß gegenwärtig Dividendenerhöhungen ohnehin nicht in die politische Landschaft passen würden.

Die Deutsche Bank ist von Dividendenskrupel nicht geplagt. Mit der bevorstehenden Kapitalerhöhung – sie will von ihren Aktionären einen Betrag von 630 Millionen Mark – hat sie allerdings auch einen Kraftakt vor, den die Dividendenerhöhung sicherlich erleichtern wird. Außerdem will sie sich in der Welt als gut verdienende Bank präsentieren, namentlich nach einem Jahr, in dem durch die Herstatt-Krise der Ruf des deutschen Bankwesens zumindest vorübergehend Schaden genommen hat. Aus internationaler Sicht wird die Dividendenerhöhung als eine Art Demonstration empfunden werden müssen.

In diesem Jahr will die Deutsche Bank damit beginnen, eigene Auslandsfilialen zu errichten. Sie folgt damit der Dresdner Bank und der Commerzbank, die diesen Schritt schon vor einiger Zeit wagten und draußen recht erfolgreich waren. Im Konzept der Deutschen Bank hatten Auslandsfilialen lange Zeit keinen Raum. Als Ersatz dienten die Stützpunkte der europäischen Bankengruppe Ebic, die sich besonders in den USA stark gemacht hat. In London wird die Deutsche Bank ihre erste Auslandsfiliale nach dem Kriege eröffnen. Vermutlich dürfte New York bald folgen. Man fühlt sich also imstande, den Wettbewerb mit den amerikanischen Banken auch direkt aufnehmen zu können. Das alles wird viel kosten. Die Aktionäre sollen dazu einen Beitrag leisten.

Auslandsfilialen erfordern zunächst Geld und werfen relativ geringere Erträge ab, als sie im Inlandsgeschäft erzielbar sind. Die Dresdrer Bank ist den kostspieligen Weg ins Ausland schon 1972 gegangen. Inzwischen hat sie eigene Niederlassungen in London, New York, Singapur, Tokio, Los Angeles und Chikago. Dies ist zu berücksichtigen, wenn man die Erträge der Großbanken einem kritischen Vergleich unterzieht. Zeitlich hat die Dresdner Bank im Ausbau des Auslandsfilialnetzes vor der Deutschen Bank einen Vorsprung. Ob er sich eines Tages in Heller und Pfennig bemerkbar machen wird, bleibt abzuwarten.

Das Drängen der deutschen Großbanken ins Ausland ist die Konsequenz aus der Tatsache, daß echtes Wachstum nur noch „draußen“ möglich ist. Im Inland lassen sich die Marktanteile nur noch unwesentlich verändern., Im Ausland sind die deutschen Banken aber im Verhältnis zum Außenhandelsvolumen der Bundesrepublik noch unterrepräsentiert. Je mehr die deutschen Industriekonzerne gezwungen sind, ausländische Produktionsstätten zu errichten, um so stärker sehen sich die Banken genötigt, ihnen zu folgen und auch im Ausland zur Verfügung zu stehen.