Von Kai Krüger

Als ich in Portsmouth bei der Kirche mit meinem Miet-Käfer um die Ecke bog, kam Cicin des Weges. Er trug seinen feinen Zwirn, reichlich ausgeheult zwar, doch mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Zu einer Beerdigung sei er gewesen, sagte er. Dann stieg er ein, und vor seinem Haus lud er mich zu einem Drink ein.

Portsmouth ist die zweitgrößte Stadt Dominicas und zählt 3500 Einwohner, etwa zehn von ihnen sind weiß, den Albino mit dem ewigen Sonnenbrand und den französischen Priester mitgerechnet: Die Stadt liegt an einer der schönsten Buchten der Karibik. Hier landeten sie schon zu Kolumbus Zeiten, erst die Spanier, dann die Engländer und Franzosen, um sich zu verproviantieren und auch mal einen neuen Mast zu schlagen, oben im Regenwald.

Cicin ist Holzfäller, und bei eben jenem Geschäft, nämlich dem Fällen einer Gommier als Mast für die kanadische Barkentine „Barba Negra“ unten in der Bucht, hatten wir uns kennengelernt. Ich kannte die „Barba Negra“ und ihre deutschen Eigner von Hamburg her und ließ mir den Holzfäller-Trip in die karibische Vergangenheit, die auf Dominica noch so allgegenwärtig ist, nicht entgehen.

Es war ein denkwürdiger Trip. Unter Führung von Happy Days, dem fast 70jährigen Oberholzfäller am Ort, bahnten wir uns den Weg durch den dampfenden Wald. Ein passender Baum, glatt und gerade, war bald gefunden und binnen einer Stunde mit den Äxten umgelegt. Dann begannen sie, den gefällten Riesen kunstvoll zu behauen, bis Cicin mitten in einem Schlag innehielt, Happy nach dem vereinbarten Tagelohn fragte und zwei Dollar mehr raushandelte, bevor er weitermachte, als sei nichts geschehen.

Cicin hat nur zwei Hemden, das für Beerdigungen und Taufen und das andere, fürs Holzfällen. Die Straße entlang der Bucht, die entweder staubig oder schlammig ist, wird von lauter Onkel Toms Hütten gesäumt, die auf steinernen Beinen stehen, an denen Schweine sich scheuern, Hühner und Kinder dazwischen, vollbusige Mütter, schlaksige Männer. Am Straßenrand zwei nagelneue Telefonzellen, Zeugen moderner Entwicklungshilfe in einer Stadt, die nicht einmal Toiletten hat, jedenfalls nicht hier, wo Cicin wohnt.

Cicins Haus kann sich sehen lassen. Linoleum auf dem Fußboden, Plastiktischtuch, auch vor der Tür zum Schlafraum ein Vorhang, Heiliges an der Wand, Plastikblumen auf dem Tisch. Cicin rief seine Frau: „Gib mir mal Geld für Rum, und hol mir welchen.“ Sie ging, eine runde, etwas sorgenvoll dreinblickende Frau, doch sie hat nur zwei Kinder, geht zur Familienplanung; ein Mann wie Happy zeugte 21, von denen vier starben, und Cicins Freund und Kollege Joseph, der schräg gegenüber wohnt, hat 18 gezeugt, und 14 leben noch.