Wenn sich der Korps-Student in „voller Wichs“ befand, durfte er sich nicht in Trab setzen. Er mußte gehen. Besser noch: schreiten. Und wenn er den Zug verpaßte: laufen durfte er nicht. Das war eines der Gebote seiner Würde.

Aber in Bonn hat unlängst der Bundespräsident sich im Trainings-Anzug in „Trimm-Trab“ gesetzt und sich dabei verhalten, wie es der Anweisung des „Deutschen Sportbundes“ entspricht. Er hat „die Finger zu einer lösen Faust geschlossen, die Daumen leicht nach innen gerichtet, die Zeigefinger nach oben gelegt und die Gesichtsmuskulatur entspannt“. Ähnlich verhielten sich die Gesundheitsministerin Katharina Focke und der Präsident des „Deutschen Sportbundes“. Auf einer Waldstrecke von anderthalb Kilometern im Stadtgebiet von Bonn trabten sie an der Spitze anderer Würdenträger einher.

Ihr Tempo war etwas schneller als beim Schreiten. Auch wird beschrieben, daß sie keineswegs die Beine warfen. Sie keuchten nicht. Sie schnauften nicht. Es soll sich überdies um eine durchaus gesellige Sportart handeln. Es trimmtrabt sich besser in Gesellschaft, und leichtes Plaudern ist dabei nicht verboten, sondern durchaus erwünscht. So und nicht anders wurde der Bonner Prominenten-Trab beschrieben, der aus Anlaß des fünften Jahrestages der Gründung der „Trimm-Bewegung“ stattfand.

Es hat sich also um etwas Offizielles, etwas wie einen Staatsakt gehandelt, um etwas Beispielgebend des. So gingen beim Betrachten der Photos die Gedanken unwillkürlich zurück in Deutschlands Vergangenheit.

Dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg war es ganz unmöglich, die Gesichtsmuskulatur zu entspannen. Stramm blieb in jeder Lebenslage der Nation der Schnurrbart aufgerichtet, und unerschütterlich drückte sein fast unbewegliches Gesicht des Vaterlandes Größe aus. Daß der Reichspräsident in Trab verfallen könnte, jedenfalls ohne Mitwirkung eines Pferdes, wäre ganz undenkbar gewesen. In offizieller Umgebung jedenfalls hatte der Reichspräsident von Hindenburg dank seiner Unbeweglichst etwas Denkmalartiges, während der Trimm-Trab, den unser Bundespräsident Walter Scheel mit gelöstem Lächeln und heiterem Geplauder anführte, mich an den Kranich-Zug erinnerte. Je höher die Kraniche fliegen, desto langsamer scheint ihr Tempo – ein Trimm-Flug– und desto heiterer tönt ihr unentwegtes Geschnatter und Geplauder auf uns, die staunenden Erdbewohner, hernieder.

Daß die Zeiten sich ändern und mit ihnen der Begriff der Würde, ist eine banale Feststellung. In der Ersten Republik hat eine Photographie, die den deutschen Reichspräsidenten Ebert in der Badehose zeigte, fast eine Staatskrise ausgelöst. Unlängst beim Rendezvous des französischen und des amerikanischen Staatschefs auf den Antillen waren die Fernseh- und Filmkameras auf ein Schwimmbassin gerichtet, in dem Giscard d’Estaing und Ford herumplanschten, und während sie im Wasser prusteten, hielt man ihnen Mikrophone vor die staatsmännischen Münder. Es entstanden blubbernde Geräusche. Doch auch diese konnten ihrer Würde im Angesicht der Nation nicht den geringsten Abbruch tun.

Insgesamt kann gesagt werden, daß bei der in der Bundesrepublik Deutschland nunmehr fünfjährigen Volksbewegung „Trimm dich“ nicht nur der Mensch, sondern auch die Menschenwürde getrimmt wird.