Von Günter Deister

Wohl noch nie hat es eine Weltmeisterschaft gegeben, bei der Spannung und Zuschauerresonanz in einem derart krassen Mißverhältnis standen wie bei den 42. Welttitelkämpfen im Eishockey. 172 000 Zuschauer in München und Düsseldorf langweilten sich an 14 Spieltagen fast zu Tode. Es gab nicht eine einzige Überraschung. Von den 30 Begegnungen gingen allein acht mit einem zweistelligen Ergebnis aus, insgesamt 27 endeten mit Unterschieden von drei und mehr Toren. So etwas wie Spannung kam nur dann hin und wieder auf, wenn UdSSR und ČSSR (5:2, 4:1), Schweden und Finnland (1:0, (l : 2) sowie Polen und die USA (5:3, 5:2) gegeneinander spielten. Hauptleidtragende dieser Karikatur einer Weltmeisterschaft waren die Zuschauer, die pro Spiel und Sitzplatz zwischen 18 und 60 Mark hinzublättern hatten und dafür eine Orgie der Langeweile feiern durften. Kein Wunder, daß die Olympiahalle in München bei den meisten der Vorrundenspiele eher einem Krematorium denn einer Sportarena glich. Lautstärker ging es dann im Düsseldorfer Eisstadion an der Brehmstraße zu, wo der Deutsche Meister Düsseldorfer EG und dazu „Deutschlands bestes Eishockey-Publikum“, so das nicht ganz unberechtigte rheinische Eigenlob, beheimatet sind. Um diesen Ruf auch international zu untermauern, mieteten die Düsseldorfer Veranstalter zu jedem Spiel den harten Kern der Anjubler und Einpeitscher in Form von Freikarten an; die ihrer Aufgabe, für Stimmung zu sorgen, mit Fleiß, großen Phonstärken und Einfallsreichtum nachkamen. Wurde die Spielerei’ auf dem Eis, was häufig vorkam, als allzu trist empfunden, dann erscholl der Chor: „Schickt die DEG aufs Eis“ und „Otto, zieh die Schlittschuh an!“ Otto heißt mit Nachnamen Schneitberger und ist Lokalmatador in den Farben der Düsseldorfer EG.

Gegen das Leitmotiv der nach der Melodie des Weihnachtsliedes „Kling, Glöckchen...“ vorgetragenen fröhlichen Gesänge: „Tschechen werden Meister, Russen werden Zweiter, Tschechen werden Sieger, alle Jahre wieder“, hatten natürlich die Sowjets Entscheidendes einzuwenden. Sie fuhren mit der Konkurrenz so gründlich Schlittschuh, daß die UdSSR am Ende 20:0 Punkte und 90:23 Tore auf ihrem Konto hatte und wie selbstverständlich ihren 14. Weltmeisterschaftstitel seit 1954 abkassieren konnte. Selbst die ČSSR, bisher immer der Angstgegner der Sowjets bei Titelkämpfen und noch 1974 bei der WM in Helsinki 7:2-Triumphator, wurde trotz einseitigster Zuschauerunterstützung eindeutig distanziert. Dabei hatte die Mehrzahl der Experten vor der WM noch die verjüngte CSSR-Mannschaft favorisiert; Ausschlaggebend dafür waren drei Spiele 14 Tage vor Beginn des A-Turniers in Prag zwischen den beiden Erzrivalen gewesen. 6:1, 4:2 und 9:3 hatte der Vizeweltmeister dabei gewonnen, das 3:9 bedeutet für die UdSSR die höchste Länderspielniederlage überhaupt. Diese drei Begegnungen hatten Auswirkungen. Verteidiger-As Gusew, der zu den besten Abwehrspielern der Welt zählt, wurde von Chef-Coach Boris Pawlowitsch Kulagin wegen „unethischem Verhalten“ – Gusew hatte seinen Gegenspieler Martinec mit der bloßen Faust niedergeschlagen – aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Und als gar das gesamte Team gegen Zuchtmeister Kulagin zu rebellieren versuchte, entgingen Mannschaftskapitän Michailow und dessen Mitstürmer Petrow nur deshalb dem Banne Kulagins, weil die Moskauer Funktionäre bei einem Verzicht auch auf diese Stars ihre WM-Chancen gänzlich schwinden sahen. Immerhin, Kulagins Prager Donnerwetter hatte klärende Wirkung. Andererseits wurden die Tschechoslowaken mit der unverhofft zugefallenen Favoritenrolle nicht fertig, zudem schienen sie in München und Düsseldorf ihren Formhöhepunkt bereits überschritten zu haben.

Die Sowjets jedenfalls erwiesen sich wieder einmal als die überragende Turniermannschaft. Unter dem liberalen Kulagin-Vorgänger Wesewolod Bobrow, der vor einem Jahr abgelöst worden war und jetzt Fußballtrainer in Ararat ist, hatte die Nationalmannschaft ungehemmt stürmen dürfen. Dies war zuletzt immer mehr zu Lasten einer’systematischen Verteidigung gegangen. Mit Kulagin kehrte die Disziplin zurück. Das sowjetische Eishockey 75 ist eine Kombination aus Solidität, Improvisationskunst, Kollektivgeist, unerbittlicher Härte, Individualismus und einer überlegenen athletischen Verfassung. Zudem kann Kulagin aus einem Reservoir von nahezu drei Millionen Eishockeyspielern schöpfen, die von 4500 Eishockey-Diplomlehrern betreut werden. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik gibt es nur 4500 Aktive, die dem schnellen Puck hinterherjagen.

Die ČSSR war immerhin noch stabil genug, um gegen Schweden und Finnland zu widerstehen, zwei Vertretungen also, die dem Vizeweltmeister bisher noch bei fast jeder WM ein Bein zu stellen vermochten. Doch diese Zeiten scheinen endgültig vorbei. Seit einem Jahr leidet das skandinavische Eishockey verstärkt unter Auszehrung. Die besten Spieler, in Schweden waren es im letzten Jahr allein zehn, in Finnland vier, zieht es in die Pfründe des nordamerikanischen Profi-Geschäfts. Kommt in Schweden ein sehr guter Eishockeyamateur auf einen Verdienst von etwa 80 000 Mark im Jahr, so kann er diese Summe in einem der 18 Vereine der National Hockey League (NHL) oder der 12 Klubs der World Hockey Association (WHA) verdrei- oder vervierfachen. Polen und die USA, die unter sich den Absteiger ausmachten, hatten mit ihren schwachen Leistungen lediglich die Funktion von Torelieferanten.

Der Internationale Eishockey-Verband (LIHG), daran kann kein Zweifel bestehen, steht vor einem Trümmerhaufen, und er har ihn selbst ungerichtet. Obwohl sich schon seit Jahren abzeichnete, daß der 1969 eingeführte Austragungsmodus mit sechs Mannschaften in der A-Gruppe, die den Weltmeister in einer Doppelrunde ermitteln, keineswegs mehr den Stärkeverhältnissen im internationalen Eishockey Entspricht, hat der Verband stur an dem einmal Beschlossenen festgehalten. 1969 stimmte der LIHG dafür, daß Kanada die nächste WM mit bis zu neun Berufsspielern bestreiten könne. Als der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage, ein kurzes Grollen vernehmen ließ, machte der Verband seinen eigenen Beschluß flugs rückgängig. Die Folgen waren für den LIHG schlimm: Kanada gab die Ausrichtung der Titelkämpfe 1970 zurück und weigerte sich fortan, an Weltmeisterschaften teilzunehmen. „Wir kommen auch ohne die Kanadier aus. Irgendwann werden sie reumütig zurückgekrochen kommen und um Wiederaufnahme bitten“, hatte John F. Ahearne damals gehöhnt. Heute muß der 75 Jahre alte irische LIHG-Präsident selbst die Rolle des Bittstellers spielen. Ohne ein kanadisches Profi-Team und um ihre besten Berufsspieler verstärkte Mannschaften aus den USA, Schweden und Finnland ist das Unternehmen Weltmeisterschaft sportlich bankrott. Und finanziell drohen künftig, auch große Schwierigkeiten, obwohl dieses A-Turnier dem ausrichtenden Deutschen Eishockey-Bund (DEB) etwa 300 000 Mark an Gewinn eingebracht haben dürfte. Den europäischen Fernsehanstalten, die den LIHG in diesem Jahr noch einmal mit 680 000 Mark bezuschußten, dämmert langsam, daß eine derartige Subventionierung einer sportlichen Pleiteveranstaltung nicht länger zu verantworten ist.