Der Libanon ist noch einmal davongekommen, die akute Bürgerkriegsgefahr ist fürs erste gebannt. Der zu Beginn äußerst brüchige Waffenstillstand vom 16. April gewinnt an Stoßfestigkeit. Nach den achttägigen Straßenkämpfen und Schießereien, die am 13. April zwischen palästinensischen Freischärlern und Milizen der christlichen Falange-Partei ausgebrochen waren, findet Beirut zum gewohnten Alltag zurück.

Die Kämpfe im Libanon haben einen hohen Blutzoll gefordert. Offizielle Stellen sprechen von 150 Todesopfern und rund 300 Verletzten, die wirklichen Verlustziffern dürften weit höher liegen. Nach Angaben informierter Beobachter sollen bei den Unruher., die sich von Beirut auf die Hafenstädte Tripoli, Saida und Tyros ausdehnten, über 300 Menschen umgekommen und an die tausend verletzt worden sein. Der angerichtete Sachschaden beläuft sich nach ersten Schätzungen auf über 200 Millionen Mark.

Die jüngste libanesische Staatskrise entzündete sich einmal mehr an dem nur von vagen Vereinbarungen abgestützten und von ungenauen Spielregeln bestimmten Konkurrenzverhältnis zwischen der Regierung und den Freischärlern, zwischen dem Staat und dem Staat im Staat, zwischen souveräner Machtbefugnis und palästinensischer Machtanmaßung. Den Konflikt liegen zwei verschiedene libanesische Staatskonzeptionen zugrunde: Für die einen, die Muslims und die Palästinenser, ist der Libanon ein integraler Bestandteil der arabischen Welt, daher auch den arabischen Prioritäten verpflichtet; die andern, die christlichen Gruppen, an ihrer Spitze tue rechtsnationale Falange, fordern einen unabhängigen „Libanon für die Libanesen“.

Das politische System des Libanon beruht auf einem zerbrechlichen Kompromiß zwischen diesen beiden Gemeinschaften, die 1945 den sogenannten „Nationalen Pakt“ abgeschlossen haben. Jene mündlich getroffene Absprache sieht einen Verzicht der mohammedanischen Volksgruppen auf den Anschluß des Landes an einen arabischen Nachbarstaat vor. Im Gegenzug erklärten sich damals die libanesischen Christen zur Führung einer brüderlich-arabischen Außenpolitik bereit.

Im nie veröffentlichten Kairoer Abkommen vom November 1969 gewährte dann die Beiruter Regierung den palästinensischen Guerilleros eine Reihe von Sonderrechten. Dazu gehören vor allem: die Exterritorialität der vierzehn Palästinenserlager mit ihren rund 100 000 Flüchtlingen; die ungestörte Bewegungsfreiheit der schwer bewaffneten Freischärler-Kommandos im ganzen Land; die Ausübung praktisch unbegrenzter militärischer Disposition- und Befehlsgewalt in den an Israel grenzenden südlibanesischen Gebieten, dem „Al-Fatah-Land“.

Die libanesischen Muslims und die Mehrheit der Linksparteien betrachten es als nationale Pflicht, den Palästinensern großzügige Gastrechte und aktive Unterstützung zu gewähren. Auch die 1936, noch zu Zeiten des französischen Mandats, von dem maronitisch-christlichen Politiker Pierre Gemayel gegründete Falange, die sich im Laufe der Jahre von einer paramilitärischen Organisation zu einer politischen Partei mit 70 000 Mitgliedern entwickelte, verteidigt die Koexistenz christlicher und islamischer Volksgruppen im Rahmen eines demokratisch-liberalen Staatsgefüges.

Aber das Zusammenleben mit den Freischärlern, so argumentiert GemayeL dürfe der libanesischen Souveränität und Unabhängigkeit nicht zum Nachteil gereichen, wie dies heute der Fall sei. Und zur Eindämmung der palästinensischen Sonderrechte sowie um die Regierung und Armee zu mobilisieren, schickte Gemayel, dieser christlich-nationale Rechtsaußen, auch diesmal wieder seine modern ausgerüstete Kampftruppe von 5000 Mann ins Gefecht.