„Nu komms du! Kuddl Schnööfs noie achtersinnige Gedankens un Meinungen“, von Jochen Steffen. Nach drei Jahren Denk- und Redepause meldete sich – rechtzeitig zum schleswigholsteinischen Wahlkampf – das Kieler Werftarbeiterehepaar Kuddl und Natalje zum zweitenmal zu Wort. Mit Schnaps, gesundem Menschenverstand und ihrem klassenbewußten Gespür für gesellschaftliche Widersprüche, in die „vorn un achtern kein Sinn reinzukriegen“ ist, gehen sie in ihrer Mundart, einer Art Plattdeutschem, dem „Kapitalissmus annie Wäsche Ob sie „vonnie Fleischpreise“ oder „vonnie heilichssen Güter un so“ sich gegenseitig was „verklickern“, ob sie „vonnen Umweltschuzz“ oder „vonnie Neuschahrssennunk“ im Fernsehen reden: Die beiden sind immer auf dem Quivive, und allemal entdecken sie hinter offiziellen Versionen und hehren Sonntagsworten den großen Beschiß. „Die Schnacks sünd für die Moral, der Beschiß ist für die Prackziß“: Lebensweisheit von da unten, wo Politik nicht gemacht, sondern in ihren Auswirkungen alltäglich erfahren wird. Wenn Natal je die„Ehfüllunk vorinen uäalten Menschheitstraum“ darin sieht, „daß den nichttropfenden Wasserhahn er fünften wird“, und wenn Kuddl sich seiner demokratischen Freiheiten erfreut, der Freiheit beispielsweise, „mich den Ahz auszusuchen, den ich reich machen will“, dann sind durch das „hääliche Gefühl“, daß du „ma as Ahbeiter noch atmete Lotte reich machen kanns as deinen Unternehmer“ die Grundwerte einmal mehr in den Schmutz der sozialen Realität gezogen. „Hoch die Prinziepjen, so hoch, daß da keinen ran kann“. Der rote Tegtmeier von der Meeresküste schont in seinem Buch niemanden, vor allem auch die eigenen Genossen in der SPD nicht, für die Natalje das Trimm-dich-Programm bereithält: „So mit links einatmen, rechts ausatmen un so.“ (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1975; 174 Seiten, 16,80 Mark.)

Christian Schultz-Gerstein