Von Rudolf Herlt

Uunsere westlichen Nachbarländer warten voller Ungeduld auf den Zeitpunkt, da die deutsche Konjunktur-Lokomotive wieder die Kraft hat, auch, ihre Wirtschaften aus der Rezession herauszuziehen und mit ihnen gemeinsam einer glücklicheren Zukunft entgegenzufahren. Was die Vereinigten Staaten für die gesamte westliche Welt sind, ist die Bundesrepublik dank ihres wirtschaftlichen Gewichts heute für Westeuropa: Gravitationszentrum und wichtigste Quelle wirtschaftlicher Impulse für die Nachbarn.

Das Warten auf die deutsche Lokomotive ist so falsch nicht. Früher, als die Länder der westlichen Welt noch nicht im Konjunkturgleichschritt marschierten, haben die Deutschen ihre Flaute- und Rezessionszeiten meist durch höhere Exporte überwunden. In diesem Jahr darf sich niemand darauf verlassen. Alle großen Industrieländer sind selbst auf der Talsohle angelangt.

Die Bundesregierung ist aber den anderen Regierungen eine Nasenlänge voraus; weil sie früher als die andern die Konjunkturampel von rot auf grün geschaltet hat. Das gilt freilich nur unter der Voraussetzung, daß sich die deutsche Konjunktur-Lokomotive bald wieder in Bewegung setzt.

Wird sie das tun? Wenn wir dem offiziellen Optimismus Glauben schenken dürften, dann müßte sie eigentlich schon in Fahrt sein. Bundesfinanzminister Apel war da am deutlichsten: Er wisse zwar noch nicht, wie stark der Aufschwung sein werde, aber er habe schon eingesetzt und werde sich in den nächsten Wochen verstärken.

Bundeswirtschaftsminister Friderichs ist etwas vorsichtiger. Er spricht von einer konjunkturellen Übergangsphase mit aufwärts gerichteter Tendenz. „Wenn Sie mich jetzt fragen“, verkündete er sibyllinisch bei Eröffnung der Hannover-Messe, „ob nun der Aufschwung da sei, dann frage ich zurück: Was meinen Sie damit?“ Er meinte jedenfalls, daß sich die Belebung vorläufig nur in den Frühindikatoren der Auftragseingänge erkennen ließe und daß es seine Zeit dauern werde, bis die Produktion und schließlich der Arbeitsmarkt reagiert.

Bei aller Vorsicht – Klappern gehört eben zum Handwerk der zuständigen Minister. Das gilt vor allem in Wahlkampfzeiten. Und da bei uns immer irgendwo eine Wahl vorbereitet wird, kommen Regierungsmitglieder kaum noch dazu, ihre ungeschminkte Meinung öffentlich vorzutragen. Frühestens nach dem Wahlsonntag vom 4. Mai können die Passagen des Gesundbetens wieder aus den Ministerreden gestrichen werden. Bis dahin müssen wir mit ihnen leben.