Von Hans Lemberg

Die lang hingezogenen Verhandlungen um einen tschechoslowakisch-deutschen Normalisierungsvertrag haben immer wieder zu Betrachtungen über das Verhältnis dieser beiden Völker angeregt; das Münchener Abkommen mit der anschließenden Zerstörung der Tschechoslowakei und die Austreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg standen dabei im Zentrum. Für die Autoren der jüngst dazu erschienenen Literatur ist dieses Thema freilich nichts Neues: Jedes ihrer Bücher ist ein Fazit oder eine Zwischenbilanz einer Arbeit, die dem Zusammenleben von Deutschen und Tschechen diente.

So konzentriert sich

Rudolf Hilf: „Deutsche und Tschechen. Bedeutung und Wandlungen einer Nachbarschaft in Mitteleuropa“; (Aktuelle Außenpolitik. Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik); Leske Verlag, Opladen 1973; 138 S., 16,– DM,

auf die Darstellung und Diskussion von verwirklichten, in Angriff genommenen oder nur geplanten Konzepten des Zusammenlebens oder der „Trennung“ der beiden Volksgruppen innerhalb der böhmischen Länder. Es ist kritisiert worden, daß weder der Name Heydrich noch der Schreckensort Lidice in Hilfs Buch genannt werden – ein in der Tat kaum verzeihliches Versäumnis, wenn – wie in manchen herkömmlichen Darstellungen leider üblich – Schuld und Gegenschuld aufgerechnet werden. Darum aber geht es Hilf nicht: Er setzt Kenntnis von Fakten weitgehend voraus (nationalsozialistische Ausrottungspläne nennt und verurteilt er durchaus) und diskutiert um so intensiver und mit großem Verständnis für beide Seiten Entstehung und Chancen der Lö-, sungskonzepte.

Dabei stellt er eine fortschreitende Ausweitung der Frage von einer innerösterreichischen zu einer europäischen (in der Zwischenkriegszeit) bis hin zur Einbeziehung in globale Zusammenhänge nach dem Zweiten Weltkrieg fest. Die Suche nach qualitativ neuen Lösungen erscheint Hilf als der einzig mögliche Weg aus dem Dilemma, das im Rahmen eines herkömmlichen nationalistischen Souveränitätsdenkens unlösbar bleibt.

Während Hilf nur die kritische Entwicklung der letzten 150 Jahre nachzeichnet, greift die Darstellung von