ZDF, Freitag, 18. April: "Kennwort: Fasanenjagd München 1945" von Karlheinz Bieber

Das Zweite Deutsche Fernsehen zeigte in der Reihe "Unterwegs zum Frieden" ein Stück, das eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe zwischen Konstanz und Kiel in vorzüglicher Erinnerung behalten wird: jene Minorität nämlich, deren Vertreter ein guter Gott gegen 21 Uhr 35 einschlafen ließ, um sie fünfundsechzig Minuten später, gegen 22 Uhr 40, wieder zu wecken. Diese Glücklichen sahen die Gesichter einiger älterer Herren, die vor dreißig Jahren an der "Freiheitsaktion Bayern" beteiligt waren, und sie hörten die Stimme jenes Dr. Rupprecht Gerngroß, der der Kronzeuge des Aufstandes ist. Sie hörten ernste, sachliche und vernünftige Worte.

Dann gibt es eine zweite Gruppe, die aus Sehern besteht, denen ein weniger freundlicher, aber noch nicht gerade bösartiger Gott um die gleiche Zeit eine Summe von Kurzschlafen beschertes aufgewacht, eingenickt, aufgewacht, eingenickt. Hier geht es um Leute, die aufschreckten, sobald, der Sprecher den Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht verlas. Und das tat er häufig: Der Wehrmachtsbericht war der eigentliche Protagonist dieses Spiels – und was immer man gegen seine Diktion sagen mag, die noch die größte Schlappe in ein Sieglein verwandelte – am Stil des Dokumentarspiels gemessen hat die Sprache dieser Wehrmachtsberichte beinahe Clausewitzschen Glanz.

Damit wären wir dann bei der dritten Gruppe aus dem Kreis der Fernsehbetrachter: den Wachen, die das ganze Spektakel mit ansehen mußten. Mit ansehen, wie verkleidete Schauspieler auf einem Theaterpodium in dem Bemühen scheiterten, einander Mitteilungen aus dem Geschichtsbuch nahezubringen. Mit ansehen, wie die Münder erfahrener Mimen sich quälten, um Appositionen, verwegene Genitiv-Konstruktionen ("Die Amerikaner, bis zu deren Eintreffen die Stadt übergeben sein muß") und jene Unzahl von Floskeln zu artikulieren, die der Autor offenbar mit "gehobener Sprache" verwechselte. "Er sympathisiert mit uns, wie er mit den Männern des zwanzigsten Jahrhunderts sympathisiert hat": So was, hundertfach, in Dialogen, die vorgeben, realistisch zu sein.

Und dazu dann noch die Regie! Das theatralische Gebrüll und die Schmieren-Gestik, mit der hier Sätze aus dem Ploetz zur Darbietung kamen. (Göring verhaftet. Himmler in Verbindung zu Schweden. Sophie Scholl hingerichtet.) Manchmal schien es fast so, als machten sich die Schauspieler über den Spielleiter lustig: als seien sie dankbar dafür, hier einmal so chargieren zu dürfen, wie es ihnen ernstere Sendungen, "Tatort" zum Beispiel, niemals gestatten.

Damit genug. Nachzutragen bliebe lediglich, daß der Autor, der – wie es eingangs hieß und Schlimmes ahnen ließ – das historische Geschehen "nachzuempfinden und zu gestalten" versuchte, zugleich der Regisseur war. Ein anderer, fürchte ich, hätte es auch nicht über sich gebracht, das Stück zu inszenieren. Bleibt also nur noch die Frage: Was hat Dr. Rupprecht Gerngroß gedacht, als er einen verkleideten Deklamator namens Gerngroß inmitten der Pappnazis und Studiolandser Sätze intonieren hörte, die er sehr genau kannte, Teile des im Rundfunksender verlesenen Aufrufs zum Beispiel, und die sich nun, im Schmieren-Spiel, wie Comic-Blasen ausnahmen, Elemente eines Ritterstücks aus wilhelminischer Zeit?

Wenn der Offizier im Studio die Exekutionen mit einem vielfach wiederholten "Feuer" ankündigte, dann wurde Indianer gespielt. Von dem aber, was damals in München geschah, war nicht die Rede. Momos