Taiwans Staatschef Generalissimo Tschiang Kai-schek war noch nicht unter der Erde, da lag Pekings Aufnahmegesuch bereits auf dem Tisch des Internationalen Olympischen Komitees. Seither rätseln Sport-Sinologen, ob der Tod des lebenslangen Mao-Antipoden in Zusammenhang steht mit dem plötzlichen Vorstoß der Festland-Chinesen zur Rückeroberung des olympischen Terrains, von dem sie sich vor 17 Jahren verärgert zurückgezogen hatten, weil das IOCauch das Nationale Olympische Komitee Formosas anerkannte. Der Comeback-Versuch kommt nicht überraschend, wohl aber der Termin. Daß die chinesische Führung schon eine Montreal-Teilnahme anvisiert und nicht erst auf Moskau 1980 programmiert ist, entspricht keineswegs dem fernöstlichen Langzeitprogramm.

Der Aufnahmeantrag signalisiert zweierlei: die Chinesen gehen sportpolitisch in eine weltweite Offensive, wohlwissend, daß die IOC-Politik nur von innen heraus beeinflußt werden kann; zweitens fühlen sie sich sportlich so weit gerüstet, daß sie keine Blamage mehr befürchten. Der Lange Marsch bis zur ersten olympischen Goldmedaille hat begonnen. Ganz China ist ein Sportverein und die Regierung ist überall dabei, aber die Begeisterung auch. Als Talentreservoir steht den Trainern ein Viertel der Erdbevölkerung zur Verfügung. Ausländisches Know-how hinzugerechnet, werden sich Erfolge eher einstellen, als es dem Rest der Welt lieb sein mag.

Erstmals, seit China 1971 bei gleichzeitigem Ausschluß Taiwans UNO-Mitglied wurde, verzichtete Peking formal auf den Alleinvertretungsanspruch. Dieser wurde lediglich in einem Begleitschreiben, nicht jedoch im offiziellen Antrag erhoben. Peking hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: statt das IOC mit dem kompletten Paket zu konfrontieren, teilte man das Problem, um zwei getrennte Abstimmungen zu ermöglichen. Darin liegt für die Chinesen Chance und Risiko zugleich. Pekings rüde Gewaltpolitik in der Allianz mit arabischen Staaten bei den letzten Asien-Spielen, der Israel zum Opfer fiel, ist nicht vergessen. Die Fortsetzung dieser Politik auf IOC-Ebene könnte am Ende sehr wohl auch das Ende des IOC bedeuten. IOC-Präsident Lord Killanin hatte denn auch nur einen Adressaten im Sinn, als er vor dem Mißbrauch des Sports durch ideologische Kraftakte warnte und schärfste Gegenmaßnahmen ankündigte. Es ist durchaus möglich, daß der Antrag auf Aufnahme der Volksrepublik China mit großer Mehrheit angenommen, der Antrag auf Ausschluß Taiwans hingegen abgelehnt wird. Dann hätte Peking den Ball zurück, der bis zur olympischen Vollversammlung Ende Mai in Lausanne noch beim IOC liegt. Rolf.Kunkel