Von Wolf Donner

Nun ward das Funkjahr unsers Mißvergnügens glorreicher Abschied vom System schlechthin: Frei nach Shakespeares „Richard III.“ könnte so das Fazit dessen lauten, was die westdeutsche Presse nach einem Jahr heftiger Finanz- und Gebühren-Diskussionen neuerdings über Funk und Fernsehen verbreitet.

Eine erbarmungslose Bilanz wird gezogen: Das Programm wird immer steriler, langweiliger und teurer, die Programmacher produzieren nur mehr ihre eigenen Frustrationen oder verstören die erboste Öffentlichkeit mit internen Kulissengefechten, und die Politiker zeigen sich unfähig oder unwillig zu wirkungsvollen Reformen, tragen aber statt dessen ihren Wahlkampf in die Sender, hinein; unaufhaltsam wächst zudem der Schuldenberg bei ARD und ZDF (über 800 Millionen und 180 Millionen Mark), erzwingen andererseits ganze Hundertschaften freier Mitarbeiter ihre Festanstellung bei den schon jetzt hoffnungslos überbesetzten Sendern – unser öffentlichrechtliches Rundfunksystem ist an der Grenze seiner Funktionsfähigkeit, es hat sich überlebt, einziges Heilmittel in der desolaten Situation ist ein kommerzielles Fernsehen. Punktum.

Zahlendes Publikum, Aufsicht führende Politiker, schreibende Journalisten und immer mehr resignierende Funk- und Fernsehredakteure selber scheinen diese generell pessimistische Systemkritik Zu akzeptieren. Drei Frontalangriffe gegen das Fernsehen, zufällig fast gleichzeitig in der „Welt“, im „Spiegel“ und in der Fachzeitschrift „medium“ erschienen, zeigen denn auch verblüffende Übereinstimmung im Aufweis der Krankheitssymptome, obgleich „Welt“ und Spiegel“ vor allem die Zahlen und Erkenntnisse der Diskussion von 1974 resümieren und alle zu verschiedenen Ergebnissen kommen: „Der Spiegel“ (Heft 16). weiß keinen Rat und lastet die verfahrene Situation den Anstalten ebenso wie den Politikern an; „Die Welt“ (5. bis 9. April) ruft, der Linie des Hauses Springer getreu, nach dem privaten Fernsehen, und Hans-Christof Stenzel skizziert in „medium“ (Heft 2 und 3) ein Gegenmodell von drei gleichwertigen überregionalen Fernsehprogrammen, deren Planung, Aufsicht und Verwaltung von einer zentralen Länderanstalt und deren Herstellung von freien, privaten Produzenten wahrgenommen werden; bei den bestehenden Rundfunkanstalten soll allein die redaktionelle Verantwortung bleiben.

Zimperlich, sind diese Attacken so wenig wie etwa Herbert Johns ZEIT-Serie über die Fernseh-Unterhaltung (siehe Seite 49). Mancher Vorwurf hätte vor ein paar Jahren unweigerlich zü Beleidigungs- und Verleumdungsklagen geführt. Aber der zunehmende Verdruß am Programm, die laue Haltung der Funkleute und die unaufrichtige der Politiker, die ausweglose Finanz-Personal- und Strukturkrise des Rundfunks schaffen ein Klima der Gereiztheit, der Fernsehfeindlichkeit, der hilflosen Empörung, das die pauschale Bankrotterklärung des ganzen Systems geradezu provoziert.

Ein Potpourri von Anklagen und Diffamierungen: „Verschwenderischer Umgang mit dem Etat... Schlendrian und mangelhafte Leistungskontrolle ... bürokratische Borniertheit... Großmannssucht und Ausdehnungsbedürfnis von Intendanten und Hauptabteilungsleitern...“ („Spiegel“). „So planlos gespart wie bisher verschwendet ... das aufwendigste Rundfunksystem der Welt... groteske Mißverhältnisse zwischen Studiofläche und Programmanteil... Wuchern der Intendanten-Denkmäler...“, ein Überhang „scheintoten Personals ... dank einer zwei Jahrzehnte durchgehaltenen großzügigen, planlosen und ruinösen Einstellungspolitik ...“ („Welt“). Reines „Schausparen“ als „Zweckpessimismus“ und fragwürdige „Taktik, die Ministerpräsidenten über die Öffentlichkeit mit einer gezielten Programmverschlechterung unter Druck zu setzen“, „Steuerhinterziehung ... für die Auslandsgeschäfte der Anstalten“ und bei „verdeckter Gewinnausschüttung ihrer Werbetöchter“, „Verschleierungen und Auslassungen“ im ARD-Jahrbuch, wo die Sender „mit manipulierten Berechnungen“ ihre Bilanzen „verfälschen“ („medium“).

Komplettiert wird dieser Sündenkatalog durch sarkastische Bemerkungen über das Fernsehprogramm und seine Macher: „Behördenroutine: korrekt, aber ineffizient, geschmiert, aber öde ... der tönende Leerlauf“ („Spiegel“). „Offiziöse Langeweile. Man produziert nicht mehr Informationen, sondern nur noch Ausgewogenheit“ („Welt“). Immer weniger „Intensität, Qualität und Engagement“, immer „teurer und provinzieller“ („medium“). Hierarchie im Rundfunk bedeute, daß die fachliche Kompetenz nach oben hin immer mehr abnehme („medium“). „Der qualifizierte Mitarbeiter bleibt draußen, der Weniger qualifizierte drin“ („Spiegel“).