Rudi Arndt, der Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, hat seinen Bürgern eine Schnapsidee vorgetragen und sie auch gleich von dem Zeichner Ferry Ahrlé ausmalen lassen. Sie lautet, kurz gefaßt, so: Wie alle Frankfurter sei auch er den Anblick des Betonhöckerfeldes leid, das sich zwischen dem Rathaus am Westrand des Römerbergs und dem Dom an der Ostseite dehnt – ein Friedhof (einstweilen) begrabener Pläne. Da die Stadt aber momentan kein Geld hat, darauf das Volksbildungszentrum zu bauen, sollte wenigstens der kleine historische Römerplatz vor dem Rathaus (dem „Römer“) geschlossen werden, und zwar mit einer Reihe krummer und schiefer Giebelhäuser „in einer der Tradition und dem historischen Charakter des Platzes angepaßten Form“. Auf der Vorderseite sollten sie sich unter Verwendung einiger originaler Baureste „stilangepaßt“, also wohl irgendwie mittelalterlich gebärden, wohingegen sie auf der Hinterseite „durchaus modern“, also notfalls aus Beton sein dürfen: vorn Reifrock, hinten Jeans.

Rudi Arndt meint das bestimmt ernst, wenngleich sein Mut zur Popularität ganz andere Ursachen hat als bloß einen schlechten Geschmack.

Die bisher auszumachende Reaktion hat nichts Überraschendes bei einem Politiker, der, wie Freund und Feind wissen, „in der Volksmeinung schwimmt wie ein Goldfisch im Glas“. Die einen lachen ihn aus; die anderen, seinen Einfall vor der wirtschaftlich-politischen Wirklichkeit wägend, „verstehen“ ihn; die Bürger jedoch, denen Arndts Vorschlag zusammen mit konträren Ansichten in einer Broschüre plausibel gemacht wurde, werden ihm wohl fast alle applaudieren; sie sollen ja auf einem Stimmzettel ihre Meinung ankreuzen.

Eigentlich müßten sie sich geneppt vorkommen wie bei der ebenso suggestiven Frage, ob sie alle nicht lieber in Einfamilienhäusern hausen wollten: Schwer, nein zu sagen; genauso schwer, gegen „Gemütlichkeit“ zu votieren, selbst wenn sie, wie hier vorgeschlagen, durch Attrappenarchitektur erzeugt werden soll. Und ist es nicht die Langeweile einer grobianischen Nachkriegsarchitektur, die so viele Leute schnurstracks ins Disneyland treibt?

Emotionen spielen ohnehin eine große Rolle bei diesem – wie der frühere Frankfurter Stadtplaner Ernst May fand – wichtigsten Platz Deutschlands. Immerhin war er die Urzelle Frankfurts und später die Bühne für ein paar wichtige Szenen der deutschen Geschichte: Der Weg zwischen Dom und Römer war „Riehes Straße“; sie erlebte zehn prunkvolle Krönungszüge, als die Kaiser und Könige nach dem Festakt im Dom zum Festmahl in den Römer wandelten.

Der berühmte Platz mit den unregelmäßigen Rändern war, seit ihn Bomben zertrümmert hatten, als die bedeutendste leere Stelle der Stadt empfunden worden, auch als die empfindlichste. Anfang der sechziger Jahre war sich die Stadt klar darüber geworden, was sich ereignen könnte auf dem leergebrannten Terrain, das bei der städtebaulichen, wirtschaftlichen wie kulturellen Entwicklung seit der Jahrhundertwende ins Abseits geraten ist: keine Kaufhäuser, kein Theater, kein Handel, keine Anwälte, keine Wohnungen, nur ein Undefiniertes Juwel, um das das städtische Treiben auch geographisch einen großen Bogen macht. Die Städtebauer hatten das ihre dazu beigetragen, weil sie die ehemalige dramatische Struktur des Gebietes nicht begriffen, die Wiederbelebung fast unmöglich gemacht haben durch breite Straßen und leere Plätze rundum.

Ziel ist, prinzipiell, immer noch, hier in einem zusammenhängenden, übersichtlich gegliederten Gefüge von Gebäuden ein Volksbildungszentrum anzusiedeln, das Kultur zugleich rezeptiv und produktiv möglich machen, neben der Belehrung das Spiel empfehlen und die Kommunikation auch mit Essen und Trinken fördern, soll.