Von Victor Zorza

Die Entlassung Alexander Scheljepins aus dem Moskauer Politbüro steht offensichtlich in engem Zusammenhang mit den zwei gewichtigen Streitpunkten, die der sowjetischen Führung in jüngster Zeit zu schaffen gemacht haben: dem Gerangel um die Breschnjew-Nachfolge und dem Tauziehen um die Entspannung.

Im Kampf um das Machterbe Breschnjews drängte Scheljepin darauf, seinen Platz an der Spitze der Nachfolger-Liste zurückzugewinnen. Das ging aus seiner Plazierung auf Gruppenaufnahmen sowjetischer Führerpersönlichkeiten hervor. Es zeigte sich auch in Scheljepins Bemühen, seinen Posten als Gewerkschaftsboß auszunützen, um sich vor der Öffentlichkeit als Mann von Welt und mit außenpolitischer Erfahrung zu präsentieren. Sein jüngster Besuch in England war nur einer von vielen Versuchen, dieselbe Wirkung zu erzielen, die sich amerikanische Präsidentschaftsanwärter von einer Reise nach Moskau erhoffen.

Für die Auseinandersetzung über die Entspannung wie für den Nachfolgestreit gab es während Breschnjews Krankheit im Januar deutliche Anzeichen. Ein Teil der sowjetischen Führer schien erpicht zu sein, die neuen, durch die „Krise des Kapitalismus“ geschaffenen Gelegenheiten beim Schöpfe zu ergreifen. Andere, vor allem Breschnjew, schienen ängstlich darauf bedacht, die Entspannungserfolge, die sie für sich in Anspruch nahmen, nicht aufs Spiel zu setzen. Die Absetzung Scheljepins unterstreicht, daß Breschnjew die letzte Runde gewonnen hat. Der Kampf jedoch geht weiter.

Zwei Modelle

Im sowjetischen Politbüro wird ohne Zweifel intensiv über die Möglichkeiten und Gefahren diskutiert, die sich aus der offenbaren Schwächung der Vereinigten Staaten ergeben. Solche Diskussionen werden durch Fragen an die Fachleute vorbereitet, zu denen natürlich auch die Sowjetbotschaft in Washington gehört. Man stelle sich vor, der CIA hätte einige ihrer Analysen abgefangen und deren Inhalt dann an die Presse durchsickern lassen.

Wie würde ein sowjetischer Botschaftsbeamter, um seine Meinung gefragt, diese für die Kreml-Führung in nicht mehr als 500 Worten zusammenfassen? Sein Telegramm könnte so lauten: