Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs bekräftigte bei der Eröffnung des Kernkraftwerks Biblis am 15. April noch einmal, daß es bei den Plänen der Bundesregierung bleibt: „Zur Deckung des steigenden Elektrizitätsbedarfs wird mehr und mehr die Kernenergie eingesetzt werden müssen – Sonstige Alternativen sind nicht in Sicht.

Dabei war gerade in jenen Tagen deutlich geworden, daß der Einsatz von Kernenergie nicht nur im Inland durch den Protest von Bürgerinitiativen gegen den Bau von Kernkraftwerken gefährdet ist, sondern auch vom Ausland her.

Am 4. April um 13.55 Uhr tickerte auf dem Fernschreiber der „Reaktor Brennelemente Union GmbH“ in Frankfurt eine 37-Zeilen-Meldung höchster Dringlichkeitsstufe. Der Inhalt der Nachricht von der Kommission der Europäischen Gemeinschaft war alarmierend: Die Vereinigten Staaten hatten ein weltweites Aus- und Einfuhrverbot für Kernmaterial erlassen.

Ein Nuklear-Schock?

Sieben Tage lang blieb die Meldung vertraulich. Dann teilte Bundesforschungsminister Hans Matthöfer sie auch der Öffentlichkeit mit. Vorsichtig formulierte er: „Einen Rückschlag für unser energiepolitisches Programm bedeutet diese Liefersperre nicht.“ Der Bundestagsabgeordnete Werner Marx, außenpolitischer Sprecher der Opposition, wurde deutlicher; er sprach von einem schweren Schlag für die deutsche Wirtschaft. Dem Öl-Schock vom Herbst 1973 schien ein Nuklear-Schock zu folgen. Den Politikern in Bonn wurde schlagartig bewußt, daß die deutschen Kernkraftwerke – seit Monaten als Alternative zu den mit Öl betriebenen Kraftwerken propagiert – ebenfalls von ausländischen Brennstofflieferungen abhängig sind, die in diesem Jahr zu 65 Prozent aus Amerika und zu 35 Prozent aus der Sowjetunion kommen sollen.

Minister Matthöfer betonte denn auch, es sei notwendig, „daß sich die Bundesrepublik von fremden Energiequellen so unabhängig wie möglich machen muß“. Zudem erinnerte man sich in Bonn daran, daß die Amerikaner durchaus nicht pingelig sind, wenn es um Konkurrenz in moderner Technik geht:

  • So haben amerikanische Unternehmen, wenn sie im Ausland mit deutschen Kraftwerkbauern um Aufträge zum Bau von Atomkraftwerken konkurrierten, den Auftraggebern zu verstehen gegeben, daß sie von amerikanischen Brennstofflieferungen abhängig seien, da die Deutschen die Versorgung mit Atombrennstoff nicht garantieren könnten.
  • So kann die deutsche Raumfahrtindustrie zwar Nachrichtensatelliten bauen, sie aber nicht an ausländische Interessenten verkaufen, weil die Amerikaner sich bisher weigerten, die dafür notwendigen Raketen zu liefern. Ihr eigenes Raketenprogramm haben die Europäer jedoch eingestellt.