Von Benjamin Henrichs

Welch ein Spektakel: Krieger fliegen, vom Trampolin geschleudert, mit Rückwärtssalto aufs Schlachtfeld; Zenobia, die schöne Kaiserin, jagt sie mit Karateschlägen und -tritten in die Flucht; Schauspieler verwandeln sich in Esel und Kamele; ein Eunuch hat Liebeskummer, und am Ende wächst ihm, o Wunder, wieder ein Schweif. Solche Späße und tausend ähnliche sind dem Bochumer Theater zu einem Stück von Calderon de la Barca eingefallen. Aügusto Fernandes, Regisseur aus Argentinien, jetzt fest an Peter Zadeks Haus, hat inszeniert: "Die Große Zenobia oder Die Wege des Glücks sind wechselhaft".

Das große Theaterglück ist daraus nicht geworden. Das Bochumer Ensemble, geübt im schamlosen, phantasievollen Umgang mit angeblich feierlichen Autoren, hat den totalen Spaß versucht – und hat sich dabei überanstrengt. Was Zadek beim "König Lear" gelang, ein voller Furcht und Ehrfurcht bestauntes Stück mit ganz armen, schaubudenhaft-billigen Mitteln in ein Theatervergnügen zurückzuverwandeln, das schaffte Fernandes mit der "Großen Zenobia" kaum. Das Calderon-Spektakel, dreieinhalb Stunden lang (viel zu lang also), kränkelte an einer unübersehbaren Harmlosigkeit, Gehemmtheit – und sah deshalb manchmal der Klamotte eines kultivierten Theaters ähnlicher als dem großen Theaterabenteuer, von dem die Bochumer wohl alle träumten.

"Die Große Zenobia" ist, Fernandes gibt das zu, "ein sehr schwaches Stück, aber es hat viel Charme. Es spiegelt die Tricks des Theaters wider". Wer das Stück inszeniert, kann Tiefsinniges nicht beabsichtigen. Der barocke Theaterzauber (und Theaterplunder), die lachhaft umständlichen Intrigen, eine Fabel, die etwas hat von der holden Idiotie eines Märchens; das alles ist nur Spielvorwand für Theatermacher, ein Anlaß nur für schönen faulen Zauber.

Die Bochumer Schauspieler zauberten viel – aber ihre Kunststücke waren weder radikal schlecht noch richtig gut, hatten weder den tristen Charme der Kirmes noch den großen Glanz des Zirkus, wurden mit jener Dreiviertelgekonntheit vorgezeigt, die solche Späße eigentlich unnütz macht. Da mag Training etwas nützen. Den Abend retten wird es kaum – weil sich Fernandes, der Deutsch bisher nur zögernd spricht, von Textern des Bochumer Theaters (Karsten Schälike, Uwe Bennholdt-Thomsen) eine Calderon-Bearbeitung schreiben ließ, die die mögliche Calderon-Klamotte zentnerschwer belastete: ein witzelndes, umständliches Etwas, ein Haufen überflüssiger’Worte – zu geschwätzig für eine reine Show, zu poesielos für ein Märchen; ein Text außerdem, der weder die Geschichte des Stücks klarmacht noch Interesse weckt für die Figuren.

"Die Große Zenobia" ist Fernandes’ vierte Arbeit am deutschen Theater: Er hat in Frankfurt Calderon inszeniert ("Traum und Leben des Prinzen Sigismund") und Valle-Inclan ("Barbarische Komödie"); und er hat in Bochum, im vergangenen Herbst, "Doña Rosita bleibt ledig" gezeigt, vermutlich die schönste Lorca-Inszenierung der letzten Jahre – hat gleich weit weg von beiden deutschen Lorca-Klischees (hier die hochkultivierte Folklore, dort die düsteren Gemälde des spanischen Katholizismus) mit den Bochumer Schauspielern eine ganz freie, spontane, wie mühelose Erzählung des schwierigen Stücks erreicht.

Da Zadek in Zukunft viel weniger für Bochum inszenieren wird, wird der Erfolg dieses Theaters entscheidend von Fernandes’ Imagination abhängen. Die "Große Zenobia" ist da sicher ein nützlicher Rückschlag, eine wichtige Lehre. Der reine Spaß gelingt auch den Bochumern noch nicht – vor allem dann nicht, wenn er sich nicht am Widerstand gegen große, schwere Texte wie dem "Lear" entzündet, wenn er es mit einem Nichts von Stück, mit einem bloßen Spielzeug zu tun hat. Der schwierigste Zauber ist Fernandes noch nicht gelungen: zu verhindern, daß aus diesem Theater des Überflusses überflüssiges Theater wird.