Je mehr Geheimniskrämerei die Ostblockstaaten betreiben, desto üppiger wuchert im Westen der Wildwuchs der Spekulation. Alexander Nikolaijewitsch Scheljepin sei „auf eigenen Wunsch“ aus dem Politbüro ausgeschieden. Es ist schwer zu glauben. Bislang war der Eisenbahnersohn die Personifizierung einer Bilderbuchkarriere im Sowjetreich, der Benjamin des Altherrenzirkels Politbüro, der sich zeitweise berechtigte Hoffnungen auf die Nachfolge Leonid Breschnjews machen durfte. Als früherer Geheimdienstchef und Vorsitzender des Zentralrates der Sowjetischen Gewerkschaften konnte er sich obendrein auf eine beachtliche Hausmacht stützen.

Gewiß ist Scheljepin schon lange ein kranker Mann – ein Kettenraucher, dem die Folgen einer schweren Verwundung aus dem Finnland-Krieg immer mehr zu schaffen machen. Aber das hätte allein wohl kaum ausgereicht, ihn aus einem Gremium zu entfernen, dem nach wie vor ein hinfälliger 76jähriger Greis und einige Sechzigjährige angehören, um deren Gesundheit es ebenfalls nicht zum besten bestellt ist. Kein Wunder, daß die Mutmaßungen blühen.

Hat der 57jährige Scheljepin den zwölf Jahre älteren Breschnjew während dessen Erkrankung im Winter ausbooten wollen? Möglich, aber dann hätte sich Scheljepin einer Selbstüberschätzung hingegeben. Ihm fehlt jedes Charisma, er wirkt im persönlichen Umgang gehemmt, hielt sich auch bei offiziellen Anlässen meist,scheu zurück. Vor allem jedoch hatte der zurückgezogen lebende Mann kaum persönliche Freunde in der Parteispitze.

War Scheljepin wirklich ein „Falke“ in der Kreml Runde, der für einen harten, unversöhnlichen Kurs eintrat und Breschnjews Entspannungspolitik gegenüber dem Westen bekämpfte? Auch dies ist möglich, aber dann war er zugleich ein Opportunist von hohen Graden. Unbestätigt ist zwar die Information, Scheljepin habe 1968 im Politbüro gegen die Intervention der Truppen des Warschauer Paktes in der ČSSR gestimmt. Verbürgte Tatsache ist jedoch, daß er – nicht zuletzt in Gesprächen mit deutschen Gewerkschaftsführern und Diplomaten in Moskau – den Generalsekretär in dessen reichlich utopischen Vorstellungen über eine ökonomische Kooperation zwischen der Sowjetunion und den kapitalistischen Industrienationen noch übertraf.

Oder steckt hinter seiner Absetzung ein Dissens auf dem Felde der Innenpolitik und der Ideologie? Obgleich Scheljepin als KGB-Chef unter seinem Förderer Chruschtschow die Entstalinisierung der berüchtigten Geheimpolizei betrieben hatte, war er ein Verfechter von law and order. Alle Liberalisierungstendenzen, besonders die unter der sowjetischen Jugend, gingen ihm gegen den Strich. Ausschlaggebend ist aber auch dies kaum gewesen; sonst hätten noch andere ihren Platz in der Kreml-Runde räumen müssen.

Eine andere Erklärung liegt näher – und sie ist an der Realität nachprüfbar. Seit seiner Tätigkeit als KGB-Chef von 1958 bis 1961 hat Scheljepin in allen ihm übertragenen Aufgaben versagt. Das gilt für seine Amtszeit als Vorsitzender des Komitees für Partei- und Staatskontrolle. Erst recht gilt es für seine Tätigkeit als der für die Konsumgüter- und Ernährungsindustrie zuständige ZK-Sekretär. Die von ihm erwartete spürbare Verbesserung der Versorgung der Sowjetbürger blieb aus.

Auch in seiner letzten Funktion als Chef der rund 100 Millionen Mitglieder zählenden Sowjet-Gewerkschaften wurde Scheljepin den von der Partei in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht. Es gelang ihm nicht, die für die Erfüllung der ehrgeizigen Planziele 1971–1975 unerläßliche starke Steigerung der Arbeitsproduktivität bei gleichzeitiger Anhebung des Qualitätsniveaus mittels des Gewerkschaftsapparates durchzusetzen. Das Resultat blieb unbefriedigend, wie sich jetzt – im letzten Planjahr – immer deutlicher offenbart.