Von Jürgen Dahl

Die Diskussion darüber, ob und mit welcher Vorbildung ein Physikstudent in der Lage sei, eine Plutoniumbombe anzufertigen, ist eigentlich müßig; denn mit dem ebenso giftigen wie radioaktiven Stoff (oder auch nur mit der Behauptung, man habe ihn) ließe sich wohl auch ohne solche zeitraubende Vorarbeit die Räumung mittlerer Großstädte bewirken.

Plutonium entsteht bei der Uranspaltung in Atomreaktoren und bedarf wegen seiner besonderen Gefährlichkeit der umsichtigsten Handhabung: Ein hundertmilliardstel Gramm pro Kubikmeter ist die (von manchen noch für zu hoch gehaltene) maximal zulässige Konzentration in der Luft – und 200 Kilogramm im Jahr bilden sich in den Brennelementen eines Atommeilers. Schon aus diesem Grunde – und nicht nur wegen der Terroristenbombe – erschien der Titel eines Vortrags auf der kürzlich in Nürnberg beendeten Reaktortagung 1975 ein wenig gewagt, wenn nicht irreführend –, er lautete: "Gibt es ein Plutoniumproblem?" Das Fragezeichen deutete immerhin die Möglichkeit an, daß dieses Problem in Wahrheit nur als von Atomenergiegegnern an die Wand gemaltes Schreckensbild existiere – und das wäre nun doch zuviel der Beschwichtigung.

Den Vortrag hielt Wolfgang Stoll, Geschäftsführer jener plutoniumverarbeitenden Brennelementefabrik bei Hanau, in der es vor kurzem einem Bundestagsabgeordneten gelang, eine Plutoniumpille immerhin an einer von zwei Alarmanlagen vorbeizuschmuggeln. Stoll hielt den in der Öffentlichkeit diskutierten Befürchtungen Beruhigendes entgegen:

Zwar sei Plutonium sehr gefährlich, doch habe es in 33 Jahren Umgang damit noch keinen nachweisbaren Schaden, geschweige denn einen Todesfall gegeben – nach Stoll ein deutliches Zeichen dafür, wie gut man mit dem Stoff umzugehen gelernt habe, sowie dafür, daß er im menschlichen Körper bei weitem nicht so viel Schaden anzurichten vermöge, wie manche fürchten.

Vor allem aber löse sich, so meinte Stoll, das sogenannte Problem gewissermaßen von selbst dadurch, daß man das Plutonium rezyklisiere. Der sicherste Platz für das im Reaktor entstand dene Plutonium sei der Reaktor selbst: "Dort kann es nicht nur als Primärenergieträger wesentliche Beiträge zur Energieversorgung leisten, sondern auch durch Spaltung in kurzlebigere Spaltprodukte letztlich wieder aus dem Ökosystem entfernt werden, ohne dieses für schwer überschaubare Zeiträume zu belasten."

"Schwer überschaubare Zeiträume" – damit sind jene rund 250 000 Jahre gemeint, während derer das Plutonium mit seiner Halbwertszeit von 24 400 Jahren verborgen und jede Berührung mit der Biosphäre peinlichst vermieden werden müßte, was offenbar inzwischen auch von den Experten als eine "Belastung" empfunden wird.