Von Jürgen Kramer

Washington, im April

Die Amerikaner haben Südvietnam abgeschrieben. Selbst die Regierung Ford hielt sich nach dem Rücktritt Präsident Thieus nicht länger zu Durchhalteparolen verpflichtet. Für bare Münze hatte sie ohnehin niemand mehr genommen. Der für die Vereinigten Staaten schmerzliche und doch zugleich erleichternde Augenblick, in dem der letzte Amerikaner vietnamesischen Boden verlassen wird, ist damit ganz nahe gerückt. Doch wie soll dieser allerletzte, unwiderrufliche Akt des amerikanischen Rückzugs aus Indochina zuwege gebracht werden? Noch einmal scheiden sich in Washington die Geister an Vietnam.

Müßten lediglich einige Dutzend oder einige Hundert amerikanische Botschaftsangehörige aus Saigon herausgebracht werden, wie beim Rückzug aus Phnom Penh, würde man sich vermutlich sogar im Kongreß nicht lange den Kopf zerbrechen, Eine Hubschrauberflottille besorgte die Evakuierung aus der kambodschanischen Hauptstadt ohne Komplikationen. Die eingeflogenen Marinesoldaten hätten genausogut auf ihren Flugzeugträgern bleiben können. Den Kambodschanern gegenüber verspürten die Amerikaner, ehe sie das Feld räumten, keine großen Verpflichtungen, Zwar schickten sie ein paar Hubschrauber mehr nach Phnom Penh, um auch den führenden pro-amerikanischen Politikern und Militärs die Flucht zu ermöglichen. Doch kaum einer stieg zu. Die Amerikaner hatten 1970 ungebeten interveniert. Nun mochten sich auch jene nicht von ihnen zur Flucht bitten lassen, die von den Roten Khmer das Schlimmste befürchten mußten.

Doch Saigon ist nicht Phnom Penh. Mit dem Schicksal Südvietnams hat sich Amerika zwei Jahrzehnte lang identifiziert. Die US-Botschaft in Saigon aufzulösen, ist mehr als bloß ein organisatorisches Problem. Hier geht es um die Aufkündigung von Sorgepflichten. Die Amerikaner wissen, daß sie sich nicht einfach sang- und klanglos aus dem Staube machen können – womöglich ließe man sie nicht einmal. Hunderttausende von Südvietnamesen brauchte man gar nicht erst zu fragen, ob sie evakuiert werden, wollen – sie stehen bereits Schlange.

An sich wäre es politisch vertretbar gewesen, wenn die Regierung Ford von sich aus Anfang April damit begonnen hätte, die amerikanische Kolonie in Südvietnam – damals etwa 7000 Menschen – allmählich zu verkleinern. Aber Botschafter Graham Martin stemmte sich dagegen; er wollte nichts unternehmen, was wie ein amerikanischer Rückzug aussah in einem Augenblick, in dem er und andere innerhalb der US-Regierung die Hoffnung auf ein unabhängiges, pro-amerikanisches Rest-Südvietnam noch immer nicht aufgegeben hatten.

Präsident Ford und Außenminister Kissinger waren erst bereit, ihren Botschafter zur Nachgiebigkeit zu zwingen, als der Kongreß zu erkennen gab, daß ohne einen beschleunigten Abzug aus Saigon die Chancen für eine Bewilligung zusätzlicher Hilfsgelder noch geringer waren als ohnehin. Schließlich sagte die Regierung zu, das Botschaftspersonal bis Ende April auf eintausend Mann zu reduzieren – noch immer mehr als der normale Botschaftsapparat einer Großmacht irgendwo auf der Welt. Mit dieser Zahl gab sich der Kongreß zufrieden, da er sich ausrechnete, daß eintausend Amerikaner im Ernstfall rasch per Hubschrauber evakuiert werden könnten.