Ein geschenkter Gaul

Von Richard Alewyn

Als Goethe den Begriff „Weltliteratur“ prägte, tat er es zwar aus Anlaß eines chinesischen Romans, aber er dachte dabei wohl an kaum mehr als ein Dutzend Literaturen vorwiegend europäischer Provenienz. Heute, 150 Jahre später, gibt sich ein Literaturlexikon auch mit der zehnfachen Anzahl nicht zufrieden. In dem 1965–1974 erschienenen „Kindler“ haben wir ein Lexikon bekommen, das von der akkadischen bis zur Zulu-Literatur mehr als 130 Literaturen und noch mehr Subliteraturen in 25 Bänden behandelt, deren Gesamtumfang sich auf wohl 30 000 normale Druckseiten beläuft. Es versteht sich, daß dabei Europa aufhört, der Nabel der Welt zu sein, und sein Anteil sich kaum größer ausnimmt als die Zahl seiner Vertreter bei den Vereinten Nationen. Auch wer sich für belesen hielt, wird staunen, was es alles gibt, von den „Ägyptischen Totenklagen“ bis zu „Zuycaina Schema ‚Rus’ko‘ Istorii...“, einer Geschichtsphilosophie des Ukrainers Hrušesvs’kyj.

Der „große“ Kindler, erschienen zwischen 1965 und 1974, ist ein gigantisches Unternehmen. Weit über 1000 Mitarbeiter waren unter der Regie eines Stabs von vierzig Redakteuren tätig gewesen, an die 20 000 Titel zu erstellen. Das hatte seinen Preis gefordert. Der Verdacht drängt sich auf, daß diejenigen, die das Werk besaßen, es kaum benutzten und diejenigen, die es benutzten, es kaum besaßen. „Herrschaftswissen“ also? Wie auch immer, die Preisbarriere ist niedergelegt durch einen erschwinglichen Nachdruck –

„Kindlers Literatur-Lexikon im dtv“, in 25 Bänden; dtv 5999, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1974; 11 500 S., 345,– DM. Er hat nicht mehr die imposante Ausstattung, es fehlen vor allem die Illustrationen. Sonst ist die Taschenbuch-Ausgabe die genaue Kopie des Originals, wobei der Benutzer in Kauf nehmen muß, daß namentlich die ersten Bände nicht mehr auf dem laufenden sind. Er wird also weder „Gruppenbild mit Dame“ finden noch den „Archipel GULag“.

Wer sucht, findet nicht immer

Das Konzept der Anlage hat der Kindler von dem italienischen „Dizionario Bompiani“ übernommen. Wie dieser ordnet er seine Artikel nicht nach dem Alphabet der Autoren, sondern nach dem der Werktitel. Dies wird zweifach begründet. Einmal ist bei exotischen oder archaischen Literaturen ein Verfasser ohnehin oft nicht auszumachen. Der zweite Grund ist ein poetologischer: Nicht das Œuvre eines Autors, sondern das Einzelwerk bildet die ästhetische Grundeinheit. Nun, ob und wo dies der Fall ist, was überhaupt ein „Werk“ ist, darüber ließe sich lange diskutieren. Der Begriff des „Autors“ ist ein moderner, aber der des „Werks“ ist. es nicht weniger. Ein Beweis sind die Sammelartikel wie „Alexanderroman“, in dem an die 30 Versionen desselben Stoffs in 18 verschiedenen Sprachen behandelt werden, oder ein Artikel wie „Paulus-Briefe“, bei dem sich durch die Hintertür doch wieder der Verfasser einschleicht. Mir scheint, daß bei der Anlage eines Nachschlagewerks nicht poetologische, sondern allein pragmatische Erwägungen den Ausschlag geben sollten: Wie findet der Benutzer am schnellsten die gewünschte Information?