Katzenjammer nach der Euphorie – Fachleute diskutierten in Aspen-Berlin

Von Marion Gräfin Dönhoff

Drei Jahrzehnte ohne Krieg haben unsere Gesellschaft übermütig werden lassen. Wo immer wir hinblicken, platzt alles aus den Fugen, waren "die Augen größer als der Magen". Nicht nur die Ambitionen, auch die Aktivitäten sind ohne jedes Maß ins Kraut geschossen: der Bau von Luxuswohnungen, das Budget der Schulen und Universitäten, das Gesundheitswesen. Überall sind wir an finanzielle Grenzen gestoßen, in Sackgassen geraten. Die öffentlichen Ausgaben für Schulen, Berufsschulen und Universitäten, die 1964 noch 13,5 Milliarden Mark betrugen, sind bis 1974 auf 50 Milliarden Mark emporgeschnellt; die Kosten des Gesundheitswesens werden von 43 Milliarden im Jahr 1973 bis 1978 auf 100 Milliarden steigen.

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hat der Krieg alle zwei Jahrzehnte das wieder vernichtet, was die vorangegangene Generation geschaffen hatte. Er sorgte dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen; er kappte die Überkapazitäten; er zwang die Menschen, ameisengleich stets von neuem zu beginnen und sogar noch dankbar zu sein, wenn sie wenigstens das nackte Leben behalten hatten. Es ist offenbar schwer, ohne solche Katastrophen den optimistischen Expansionsdrang in vernünftigen Grenzen zu halten. Nicht nur in finanzieller Hinsicht, auch bei den Inhalten sind Korrekturen vonnöten.

Was auf dem Gebiet von Schule und Universität geschehen müßte, um den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, darüber berieten in Berlin eine ganze Woche lang Pädagogen aus verschiedenen Ländern. Aspen-Berlin, eine Zweigstelle des Institute for Humanistic Studies in Aspen, Colorado, hatte sie nach Schwanenwerder eingeladen. Zu der kleinen Gruppe gehörten weltweit anerkannte Fachleute wie der Schwede Torsten Husén, Direktor des Instituts für Internationale Erziehung an der Universität Stockholm, der führende polnische Soziologe Jan Szczepanski, der Engländer Asa Briggs, Vize-Präsident der Universität von Sussex, sowie Hellmuth Becker, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin.

Ein Leben lang lernen

Der Chairman der Diskussionsgruppe, Sir Alan Bullock, Master von St. Catherine’s College, Oxford, umriß zunächst das Problem. Das Thema, zu dem jetzt die Europäer Stellung nehmen sollten, ist im vorigen Jahr ebenfalls unter seiner Leitung im amerikanischen Aspen behandelt worden. Es lautete in freier deutscher Übersetzung: "Wie muß der Mensch für das Ende des 20. Jahrhunderts erzogen werden?"