Nach den Gewalttaten: Die Wahltaktiker aller Parteien triumphieren wieder

Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Auf dem Kirchplatz eines häßlichen, in Armut dahindämmernden Vorstadtviertels von Mailand stehen sie zu Tausenden, junge Arbeiter und Studenten. Ihre Revolutionslieder übertönen die Stimme des Pfarrers von San Arioldo. Trotz eines Lautsprechers ist kaum zu hören, was der Pfarrer im Inneren der Kirche vor dem Sarg eines erschossenen 17jährigen Schülers beklagt: "WirErwachsenen müssen bekennen, daß, wir der jungen Generation eine ungerechte Ge-– sellschaft hinterlassen, eine Gesellschaft, die ihre Erwartungen enttäuscht und ihr junges Leben zerbricht ..."

War das nur der ergreifende Epilog auf ein banales, im Grunde sinnloses Sterben – oder ein hilfloser Prolog zu neuen Gewaltakten, die Italien seit dem 16. April wieder verunsichern? Hat gar – wie nicht wenige argwöhnen – eine geheime Regie dafür gesorgt, daß sich Zorn und Haß auf eine irrationale Weise entladen? So, daß die Fronten jetzt, sieben Wochen vor den wichtigen Regionalwahlen, gründlich verwirrt und die wahren politischen Verantwortlichkeiten hinter großen Worten (antifaschistischen und antikommunistischen) vertuscht werden können?

Der Schüler Claudio Varalli gehörte zu einer Gruppe linker Extremisten, die mit Steinen ein Auto von Rechtsextremisten angegriffen hatten. Aus diesem Wagen fiel der mörderische Schuß. Am nächsten Tag demonstrierten in Mailand zwanzigtausend Menschen gegen den Faschismus, einige Hundert ließen sich dazu provozieren, Parteilokale des neofaschistischen "Movimento Sociale" (MSI), aber auch Buchhandlungen, Redaktionen, ja Cafés von MSI-Anhängern zu verwüsten. Polizei griff ein, offenkundig planlos. Ein voll besetzter Mannschaftswagen, dessen Fahrer durch einen Steinwurf die Herrschaft über sein Steuer verlor (so beteuerte er später), überrollte einen jungen Lehrer, der in den Armen seines Freundes starb.

In ganz Italien kam es am nächsten Tag zu neuen antifaschistischen Demonstrationen, geführt vor allem von den Gewerkschaften. Extremisten der außerparlamentarischen Gruppen, auch rechtsradikale, versuchten, die Kundgebungen aufzuputschen und umzufunktionieren. Kurz auftauchende Lautsprecher verbreiteten zum Beispiel in Rom Falschmeldungen über neue Todesopfer. In Turin löste sich vom Ende eines Demonstrationszugs, der geordnet durch die Straßen zog, plötzlich eine Gruppe von Jugendlichen, band sich Tücher vor die Gesichter und warf alle Scheiben eines Cafés ein; zwei neofaschistische Parteifunktionäre wurden blutig geschlagen, zwei sozialdemokratische Parteilokale angezündet.