/ Von Nina Grunenberg

Eine "höchst faszinierende Position" nennt Kurt Georg Kiesinger das Amt eines Ministerpräsidenten. Er selber hat es von 1958 bis 1966 in Baden-Württemberg ausgeübt und wußte die Unabhängigkeit eines Landesfürsten ebenso zu schätzen wie seine Chance, kreativ zu wirken: Zurückgebliebene Landschaften zu entwickeln, Schulen zu bauen, Universitäten zu gründen oder sich als Mäzen der schönen Künste auszuzeichnen. Daß er nebenbei auch noch das Schloß der Könige von Württemberg zu seiner Verfügung hatte und in Stuttgart angemessen Hof halten konnte, kann der Seele eines repräsentationsbewußten Politikers nur gut getan haben.

Wenn Kurt Georg Kiesinger heute auf diese Zeit zurückblickt, zögert er nicht mit dem lächelnden Eingeständnis: "Ich habe es sehr genossen." Und dies klingt fast, als sei die Zeit danach, als er der Kanzler der Großen Koalition in Bonn war, nur noch halb so schön gewesen.

Hans Filbinger muß damals sehr gelitten haben. 1960 hatte Kiesinger den Juristen und langgedienten Freiburger Stadtrat zum Innenminister gemacht und ihn schon bald geduckt, weil er in ihm den potenten Rivalen witterte. Ihn auszuschalten, schaffte er nicht: 1966 kandidierte Filbinger gegen Kultusminister Wilhelm Hahn zum Ministerpräsidenten und gewann mit wenigen Stimmen Vorsprung. Die Anlagen des heute Einundsechzigjährigen zum schlitzohrigen Machtpolitiker zeigten sich eindrucksvoll nach seiner Wahl bei den Koalitionsverhandlungen, als im Landtag alle mit allen verhandelten und selbst eine Koalition zwischen SPD und FDP möglich schien. Rätselhafter Stamm

Filbinger reagierte blitzschnell. In einer Verhandlungspause, die die sich zierende FDP erbeten hatte, bevor sie sich in die Arme der SPD werfen wollte, wurde sich Filbinger im Handumdrehen mit den Sozialdemokraten über eine große Koalition einig. In fünf Minuten warf er alles über Bord, was einem Christdemokraten damals noch heilig war zum Beispiel die Konfessionsschule –, und fütterte die SPD mit Ministerposten, bis deren Hunger gestillt war. Kiesinger hatte sich damals in Stuttgart für unersetzlich gehalten. Aber nach diesem Schachzug hatte sich Filbinger mit einem Schlag durchgesetzt. Er war nie ein Mann der Partei gewesen. Distanz ist einem Schwaben lieber als Parteilichkeit. Von diesem Grundsatz sieht Filbinger erst ab, seit er merkte, wie sehr ein strammer Konfrontationskurs im Bundesrat zur Profilierung der eigenen Person auf Bundesebene beiträgt.

Längst gibt es in Stuttgart genügend Leute, die bezeugen können, daß Filbinger die Würden seines Amtes ebenso genießt wie Kiesinger. Doch ist er nicht der Typ, dies selber mitzuteilen, und ansehen kann man’s ihm erst recht nicht. Die verhangenen Augen, der schmale, leicht verkniffene Mund geben ihm ein grämlich seriöses Aussehen.