Von Hans Wüllenweber

Köln

Strahlend steigt die Morgensonne Montagfrüh über der makabren Szene im Kölner Rheinhafen auf: Zwei gigantische Hebeschiffe winden an wuchtigen Kranarmen einen ausgeglühten 56 Meter langen Stahlsarg aus der schmutzbraunen Flut des anschwellenden Stroms. Das Wrack des in der Nacht zum Sonnabend abgebrannten kleinen holländischen Rheinliners „Prinses Irene“ – der Kölner Express in plakatgroßen Lettern: „Ein Seelenverkäufer?“ – birgt in seinem Rumpf unter Brandschutt, Asche und Rheinschlamm neunzehn bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Tote – eine Leiche mehr, als Feuerwehr und Polizei anhand der unklaren Passagierliste zu finden glaubten.

Mit der bereits in der Katastrophennacht geborgenen Toten ist dies die Gesamtbilanz der Schreckensnacht in den schmalen Gängen und kleinen Kabinen des 1899 als Köln-Mülheimer Raddampfer gebauten Schiffsmethusalems: Zwanzig Tote, fünf Verletzte, achtzig Gerettete. 1947 hatte Cornelius J. Ketel, Reeder in Zutphen (Holland), das inzwischen motorgetriebene Schiff gekauft, zum Kabinenschiff umgerüstet, es auf „Prinses Irene“ getauft. Fortan bot Ketel es für Menschenfrachten an, für Holländer, Skandinavier, Amerikaner – mit den Jahren vor allem für jene, die sich für die Rheinromantik nicht den Komfort der schwimmenden Luxushotels der deutschen „Weißen Flotte“ unter Flagge der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt leisten konnten.

Zu billigen Preisen fuhr „Prinses Irene“ schließlich fast nur noch als Invalidenschiff im Auftrage karitativer Organisationen behinderte, kranke, gebrechliche Menschen zum berg- und burgengekrönten, weinseligen deutschen Mittelrhein. So auch diesmal, als ein katholischer Verein für „Wohlfahrt der Kranken aller Familien“, Ketels „Irene“ charterte. Vierzig schwerinvalide Holländer, davon fast die Hälfte mit Rollstühlen, waren an Bord.

Ein Wunder, daß jahrelang nichts passierte. Offenbar ohne Alpträume betteten sich Betreute wie Behinderte in die Kojen der verliesartigen Kabinen in den unteren Decks, nicht sehend, daß sie – gleich pechumgebenden Fackeln – in einer Hülle aus Zunder, aus Holz, Latten, Pappe, Hartfaserplatten, Lack und Leim schliefen.

Die „Prinses Irene“ hätte leicht zum Scheiterhaufen von noch mehreren Dutzend Menschen werden können. Achtzig kamen mit dem nackten Leben davon, von Rauch und Hitze halbbenommne, mit blutenden Wunden und versengten Handflächen: Sie hatten nach glutheißen Geländerstangen gegriffen. Und nochmals fünf rangen in Kölner Kliniken mit lebensgefährlichen Verletzungen.