Von Nina Grunenberg

Unter den Ministerpräsidenten ist Heinz Kühn ein Typ für sich. Von den CDU-Landesfürsten unterscheidet er sich durch seine Askese: So bescheiden wie er repräsentiert keiner. Nicht einmal auf den Stander an seinem Mercedes 300 verspürt er ein Bedürfnis. Nur wenn das Protokoll darauf besteht, wird das Hoheits-Signalement aus dem Kofferraum geholt; vor Antritt der Heimfahrt montiert der Chauffeur es wieder ab. Sich wie jene CDU-Granden durchs Land fahren zu lassen, die vom Sonnenkönig die "I’ètat c’est moi"-Philosophie geborgt haben, liegt Heinz Kuhn nicht. In dieser Beziehung ist er schamhaft wie eine alte Jungfer, er glaubt lieber an die Macht des Geistes.

Nordrhein-Westfalen, das Land, das er seit acht Jahren regiert, würde allerdings dem Repräsentationsdrang jedes Politikers Grenzen setzen: Nüchternheit ist hier mehr gefragt als Glanz. Das entspricht der Ruhrpottmentalität auch eher. Zwar erinnern sich manche Düsseldorfer noch wehmütig an Kühns CDU-Vorgänger Franz Meyers, der kein Kind von Traurigkeit war und für sein Leben gern tafelte und becherte. Doch auch seinen Gelagen fehlten alle Ingredienzen eines Festes, das mehr zeigen soll als nur neuerworbenen Reichtum. Nordrhein-Westfalen, mit siebzehn Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Bundesrepublik, hat eben weder Tradition noch Landesbewußtsein.

Spottgeburt aus Dreck und Feuer

Als es nach dem Kriege gegründet wurde, hatten die Besatzungsmächte das Land aus der preußischen Provinz Westfalen und den drei rheinischen Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf zusammengeschustert. Daß in diese "Zwangsehe" der Stamm der Westfalen hineingepreßt wurde, der schon zu Zeiten Hermanns des Cheruskers und des Herzogs Widukind seine Abneigung gegen jede Verbindung mit einem westlichen Nachbarn deutlich genug gezeigt hatte, haben enttäuschte Westfalen den Alliierten bis heute nicht verziehen. Selbst Heinz Kühn tituliert sein Land noch heute als "Mißgeburt". Die Repräsentanten "gewachsener" Länder (Bayern, Schleswig-Holstein, die Hansestädte), die sich den Hochmut der "Geborenen" im Unterschied zu den "Sogenannten" leisten können, entlehnen das epitheton ornans für Nordrhein-Westfalen gleich bei Goethes Faust und sprechen von der "Spottgeburt aus Dreck und Feuer".

Als Föderalist ist Heinz Kühn nicht zu beleidigen: Da führt er nicht orthodox, sondern ist, wie viele Sozialdemokraten, ein verkappter Zentralist. Als er vor 25 Jahren im verfassungsgebenden Ausschuß für Nordrhein-Westfalen saß, schlug er damals schon vor, die Regierungschefs der Länder nicht Ministerpräsidenten zu nennen, sondern Landeshauptmann, "um den Staatscharakter der Länder möglichst klein zu schreiben". Der Vorschlag ist auch deshalb typisch für ihn, weil er nicht das geringste Verhältnis zu Titeln hat.

Auch unter Sozialdemokraten ist Heinz Kühn ein Typ für sich. Zur volkstümlichen Garde der alten SPD-Ministerpräsidenten vom Schlage der Kopf, Kaisen, Brauer und Zinn hat er nie gehört. In seinem Land ist er populär, doch nicht beliebt. Um ein väterliches Image gewinnen zu können, strahlt er zuwenig Wärme aus und zuviel Distanz. Als Volkstribun mit demagogischem Einschlag vermag er sich schon eher zu sehen. Da hat er auch die stärksten Erlebnisse gehabt, zum Beispiel in Huckarde im Jahre 1967. Er war erst wenige Monate Ministerpräsident und hatte mit den Folgen der wirtschaftlichen Rezession, von 1966 in seinem Lande zu kämpfen. Über den Kohlestädten des Ruhrgebiets wehten "die schwarzen Fahnen der Verzweiflung". Die Bevölkerung war unruhig. Erbitterte Kumpel verlangten, daß ihnen auf dem Marktplatz von Dortmund-Huckarde Bundeskanzler Kiesinger und Ministerpräsident Kühn Rede und Antwort stehen. Da war die Not bei den Großkopfeten groß. Sie drückten sich. Der Bundeskanzler ließ sich entschuldigen. Das Kabinett in Düsseldorf beschloß, wegen Gefahr für Leib und Leben dürfe auch Kühn nicht nach Huckarde gehen. Doch Kuhn ging. Als er sich auf dem Marktplatz seinen Weg durch die Menge bahnte, floß ihm der Schweiß auch aus Angst den Rücken herunter. 17 000 schweigende Bergleute standen da und warteten, was er zu sagen hatte. Seine Chance, ihre Erbitterung aufzufangen, war minimal gewesen. Er schaffte es trotzdem – wie, wußte er hinterher nicht mehr genau zu sagen. Die Demonstration der Bergleute endete jedenfalls mit einer Kundgebung des Vertrauens für Kuhn und seine Landesregierung.