Von Paul Lüth

Es ist ein eigentümliches, für den Betroffenen befremdliches Schauspiel, das sich jedes Jahr wiederholt: der Deutsche Ärztetag. Diesmal wird er in Hamburg abgehalten (vom 6. bis zum 10. Mai), wie stets mit dem gewohnten Pomp (keine andere Berufsgruppe würde sich diesen Aufwand leisten), wie stets mit den gewohnten Querelen und wie stets an den realen Interessen der Ärzte – von den Patienten zu schweigen – vorbei.

Über viele Ärztetage geht das nun schon so: Die ärztliche Freiheit sei bedroht, heißt es Jahr für Jahr. Aber diesmal will man gar ein industrielles Werbeunternehmen bemühen, das gegen hohe Honorare die allen bekannten Thesen der Funktionäre noch bekannter machen soll. Und schließlich steht die Wahl eines neuen Präsidenten an.

Welcher Werbeagentur man schließlich den Riesenetat in den Rachen schmeißt, ist gleichgültig – die Blamage ist dieselbe, daß nämlich Ärzte es für angebracht halten, sich wie ein Waschmittel anpreisen zu lassen.

Bei der Präsidentenwahl handelt es sich wohl weniger darum, daß der derzeitige, Professor Dr. Sewering, nicht wiedergewählt werden könnte, als vielmehr um Versuche der Orthodoxen, ihn zu jenem sachfremden Personenkult zurückzuzwingen, an den sich, so die Funktionärsriege der Ärzte, alle gewöhnt haben, weil er Unruhe vermeidet. Das Ziel der ärztlichen Berufspolitik unter dem Präsidenten Fromm und seinem Stellvertreter Stockhausen, also bis 1973, hieß schlicht: Fromm und Stockhausen. Dem derzeitigen Ärzteboß kann man Personenkult nicht vorwerfen. Auch versucht er, die alte Geschäfte! huberei zu vermeiden. Unterdessen liebäugeln manche mit dem Hartmannbund-Vorsitzenden Bourmer als Gegenkandidaten, übrigens in der Hoffnung, mit ihm Stockhausen wieder ins Spiel bringen zu können.

Mit dem, was die Mehrzahl der Ärzte, die hier angeblich vertreten wird, interessiert, hat das alles überhaupt nichts zu tun. In Wahrheit nämlich ist das, was bisher lediglich der Stimmungsmache diente, zum erstenmal wirkliche Gefahr geworden. Ein neues Gesetz, das dieser Tage dem Bundestag zugeleitet wird, geht geradewegs darauf aus, die drei berühmten Säulen der ärztlichen Berufspolitik umzustürzen:

1. Den sogenannten Sicherstellungsauftrag. Er wurde vom Gesetzgeber an Rassen und Kassenärzte gerichtet, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten; bisher haben die kassenärztlichen Vereinigungen ihn ausschließlich auf sich bezogen. Geht jedoch das neue Gesetz durch, könnte es sein, daß die ambulante ärztliche Versorgung der Bevölkerung nicht mehr in Regie allein der kassenärztlichen Vereinigung stünde, sondern daß die Kassen, womöglich der Staat, mitreden würden.