2. Die sogenannte Freivertraglichkeit zwischen Kassen und Ärzten. Sie bedeutet, daß die Kassenarztverbände nicht gezwungen werden können, eine für sie ungünstige Honorarvereinbarung abzuschließen. Instrument dieser Tarifharmonie ist das auf voller Gleichberechtigung der Partner basierende Schlichtungswesen. Sollte an diese Stelle die staatliche Aufsicht treten und zur Zwangsschlichtung ermächtigt werden, wäre es um diese Freiheit geschehen.

3. Die freie Niederlassung der Ärzte, die sich, wenn sie die Bedingungen erfüllen, zur Kassenbehandlung zugelassen zu werden, überall niederlassen können, wo sie wollen. Sie hat indessen zu den bekannten regionalen Disparitäten geführt, das heißt, zu einer Ballang der Ärzte in großen Städten, zum Dünnerwerden des Netzes auf dem Lande. Seit Bayerns CSU-Arbeitsminister und das Arendt-Ministerium eine staatliche Planung hierfür anstreben, scheint auch hier die Freiheit ernstlich bedroht.

Es geht also, wie die Juristen sagen würden, um Begrenzung, wenn nicht Aufhebung der Autonomie – nicht der Ärzte, sondern der ärztlichen Körperschaften. Die Ärzte sind der lebenswichtigste Dienstleistungsberuf, das Gesundheitssystem kostet viel Geld, und es ist verständlich, daß die Gesellschaft mitreden will. Als Gesellschaft versteht sich der Staat, da niemand sonst Ansprüche anmeldet – aber Staat ist nicht einfach mit Gesellschaft identisch, und Verstaatlichung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Verbesserung. Die Kammern allerdings wollen keine Alternative, sie wollen nur sich selbst, also lieber untergehen.

Übrigens kennen sie gar keine Alternative, das lehrt die Lektüre des sogenannten Blauen Papiers, hochtrabend "Gesundheits- und sozialpolitische Vorstellung der deutschen Ärzteschaft" genannt (wo doch allenfalls die Ärzte der Bundesrepublik gemeint sein können). In Zeiten wie diesen müßte man aber, will man Gefahren, von denen man seit Jahren spricht, wirklich abwehren, irgend etwas vorweisen können. Da die Ärzte dazu nicht in der Lage sind, fragt man sich, ob es überhaupt Alternativen gibt.

Die Antwort darauf erteilte am vergangenen Wochenende das Forum "Integrierte medizinische Versorgung des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts des DGB", Düsseldorf. Es stellte fünf Modelle vor und diskutierte an Hand eines sogenannten Parameterkatalogs ihre Bewertung. Sicherlich gibt es mehr als fünf alternative Konzeptionen optimaler Gesundheitssysteme, und über die Auswahl des DGB wäre noch zu streiten: Aber "die Ärzteschaft" kennt gar nichts außer dem Gegenwärtigen, und ihre Konzeption ist der Status quo.

Die Ärztefunktionäre, die sich in Hamburg feiern lassen, sich gegenseitig Medaillen anheften, sich gegenseitig das Vertrauen aussprechen, haben sich durch ihre Versäumnisse diskreditiert. Der in seinem Beruf tätige Arzt fühlt sich im Stich gelassen. Nicht ohne Grund und nicht nur, weil der DGB diese Versäumnisse so überdeutlich sichtbar gemacht hat. Die Statuspolitiker nämlich scheinen sich geeinigt zu haben, sich nicht zu wehren – vielleicht, so meinen sie, würde es, wenn man vorsichtig nachgibt, gar nicht so schlimm. Und die bekannte Redensart: Der Gesetzentwurf sei vielleicht nur das kleinere Übel, es hätte viel schlimmer kommen können, geht bereits um. Mit Politik hat das alles nichts mehr zu tun. Vielleicht wäre immer noch Zeit, berechtigte Interessen der Ärzte durch Erstellung alternativer Modelle wahrzunehmen – das WSI Modell kann ja das einzige nicht sein –, aber mit Anpassung allein entgeht man dem Fiasko, das da heraufzieht, nicht. Diejenigen, die die Zeche bezahlen, werden, die praktizierenden Ärzte sein.