Von Karl-Otto Saur

Die Euphorie ist einer recht nüchternen Betrachtungsweise gewichen: Das audiovisuelle Zeitalter ist keineswegs mit solcher Macht über uns hereingebrochen, wie es vor einigen Jahren noch so mancher Zukunftsforscher uns Glauben machen wollte. Dies gilt auch und ganz besonders für den Einsatz audiovisueller Techniken in der Berufsausbildung.

Bayern war – entgegen seinem Ruf, in vielen bildungspolitischen Fragen eher das Schlußlicht der Bundesrepublik zu sein – das erste Bundesland, das mit dem Medienverbund Ernst gemacht hat. Vor acht Jahren wurde dort das erste Telekolleg gestartet, eine Verbindung von Bildschirmunterricht, Selbststudium und Kollegtagen, mit dem Interessenten die Möglichkeit zur Fachschulreife gegeben werden, sollte. Später kam dann das Telekolleg II mit der Berechtigung zur Fachhochschulreife hinzu, und vor drei Jahren wurde das Angebot erstmals auch auf eine abgeschlossene Berufsausbildung ausgeweitet.

Das „Telekolleg für Erzieher“ ermöglicht den Absolventen nach zweijähriger Ausbildung und einem einjährigen Praktikum die Führung des Titels „Staatlich geprüfter Erzieher“. Doch gerade dieser Studiengang zeigt die Zwiespältigkeit des neuen Ausbildungssystems.

Auf der einen Seite hört man von den Betreuern dieses Telekollegs fast nur Lob über die Praktikantinnen und Praktikanten. Da ihr Durchschnittsalter um die dreißig Jahre liegt, verfügen sie über mehr Lebenserfahrung als die Absolventen der Fachschulen für Erzieher und zeigen oft auch mehr Einsatzbereitschaft. Für den ersten Lehrgang, der 1972 begann, meldeten sich 1127 Teilnehmer in ganz Bayern’, von denen immerhin 556 (49,3 Prozent) zwei Jahre später die Abschlußprüfung mit Erfolg ablegten. Andererseits fragt man sich aber heute, ob dieser Aufwand des defizitären öffentlich-rechtlichen Fernsehens, tatsächlich lohnt. Denn für das zweite „Telekolleg für Erzieher“ fanden sich trotz ungleich größerer Werbeanstrengungen nur mehr 817 Interessenten, von denen zur Zeit noch 607 mitmachen.

Neben der offiziellen Begründung, daß das Interesse an dem Beruf des Erziehers insgesamt nachgelassen habe, gibt es jedoch eine ganze Reihe weiterer Motive, die zum Rückgang der Zahl der Interessenten und der hohen Abbrecherquote geführt haben. In der Werbung zum ersten Kurs wurde den Interessenten noch zu stark der Eindruck vermittelt, der Abschluß sei mit der Kaffeetasse in der Hand vor dem heimischen Fernseher zu erreichen. Denn in Wirklichkeit spielt das Fernsehen bei dem Ausbildungsgang nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich vier Halbstundensendungen pro Woche werden zur Unterstützung des Unterrichts ausgestrahlt. Das Hauptgewicht liegt eindeutig auf zwei wöchentlichen Kollegtagen mit jeweils etwa sechs Unterrichtsstunden. Rechnet man noch die Zeit für die teilweise recht umfangreichen Hausarbeiten hinzu, so ist es für Berufstätige fast unmöglich, regelmäßig teilzunehmen, zumal die Anfahrtswege zu den Seminarorten teilweise länger als 50 Kilometer sind.

Außerdem klagen viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen über das teilweise recht anspruchsvolle Lehrprogramm, das im Vergleich zur herkömmlichen Erzieherausbildung hohe Anforderungen stellt. Aus wirtschaftlichen Gründen sahen sich die Initiatoren gezwungen, teilweise das Programm des Telekollegs II, das zur Fachhochschulreife führt, miteinzubauen. Trotzdem berechtigt der Abschluß des „Telekollegs für Erzieher“ allein nicht zum Besuch einer Fachhochschule. Wollen die Teilnehmer an ihre Ausbildung noch ein Studium anschließen, müssen sie eine Zusatzprüfung ablegen, wozu ein Notendurchschnitt von mindestens 1,5 notwendig ist.