ZDF, Donnerstag,1. Mai, und Samstag, 3. Mai: „Tadelloser & Wolff“, von Eberhard Fechner nach Walter Kempowski

Irgend etwas stimmt hier nicht. Da wird ein Film gezeigt, der deutlich macht, daß die Nationalsozialisten wohl kaum an die Macht gekommen wären, wenn es nicht ein Bürgertum gegeben hätte, das, autoritätsbeflissen und ordnungsbewußt, von großer Dankbarkeit erfüllt war, weil andere die Schmutzarbeit übernahmen, die Säuberung des Augias-Stalls, die, für nötig erachtet von der Bourgeoisie, Vater und Mutter Saubermann nur ungern selbst ausführen wollten: Wie gut also, daß es die „Ascheimer-Männer“ gab, die braunen Rüpel, denen man insgeheim zuwinken konnte, um hernach im Familienkreis den rüden Gesellen seine Verachtung zu zeigen – die Verachtung, die der Bildungsbürger denen gegenüber hegt, die weder mit Messer und Gabel zu essen verstehen noch jemals gelernt haben, was ein Konjunktiv ist.

Da wird ein Film gezeigt, der auch dem Letzten nahelegt, nicht immer nur auf die großen Henker und Sadisten zu starren, sondern endlich auch diejenigen, mitsamt ihrer Ideologie, ein wenig genauer ins Auge zu fassen, die, deutschnational bis auf die Knochen, sich über die Mörder nicht etwa deshalb erregten, weil sie Mörder waren (die Aufräumungsarbeit, wie gesagt, mußte getan werden), sondern weil sie ihren Dienst so barbarisch ausführten. Weil sie mit Gas und Knüppel töteten und nicht mit einem eleganten, an der Spitze vergifteten Rapier.

Da wird ein Film gezeigt, der, exakt bis ins Detail, in verfremdender Sprache und einem Wechselspiel von Präzision und stilisierender Karikatur, von Naturalismus und Groteske, die politischen Konsequenzen erhellt, die sich aus einer vermeintlich unpolitischen Denkweise ergeben, und aufzeigt, was es bedeutet, wenn das Bürgertum über der Familie („Hauptsache, wir fünf kommen durch“) die Gesellschaft, über Goethe („Den macht uns keiner nach“) die Realität von Auschwitz und über den kleinen, den Regenten abgegaunerten Hobbys, der Beschäftigung mit Louis Armstrong oder der Kino-Manie, den Entzug von Freiheit vergißt.

Da wird ein Film gezeigt – die Regie: besser nicht denkbar; die Schauspieler: das Kunststück vollbringend, Individuen zu zeigen, die exemplarisch sind – Personen, die, unverwechselbar in ihrer Eigenständigkeit, dennoch als Charaktermasken fungieren –, ein Film, der, in der Vergangenheit angesiedelt, die Gegenwart mitbedeutet. Das Perfekt, zeigen Kempowski und Fechner, ist ein Imperfekt. Die Handlung dauert noch an. Die Familie K. hat sich in ihrer Struktur nicht verändert. Die Leitmotive des Films weisen über das Stück hinaus und zeigen: eine Wiederholung ist jederzeit möglich. Das sozial-darwinistische Denkmuster dieser Familie bleibt dominant.

Da wird ein Film gezeigt, der deutlich macht, daß das Dritte Reich kein Betriebsunfall war, sondern daß es seine Existenz der höchst unheiligen Ehe zwischen Bourgeoisie und Faschismus verdankt... Und was geschieht? Von rechts bis links ein einziger Begeisterungssturm: Jawohl, so ist es gewesen!

Irgend etwas stimmt hier nicht – und ich glaube, man kann sagen, was das ist: Nicht die – wenigen – verharmlosenden Überchargierungen, die etwa im Fall der Lehrerfiguren den Film „Tadelloser & Wolff“ in eine wilhelminische Moritat à la „Professor Unrat“ verwandelten; nicht die – quantitativ unbedeutenden – Klamottenpassagen, die sich immer dann einstellten, wenn der Zitat-Charakter der Klischees nicht herauspräpariert wurde. Wenn die Floskeln aus der heilen Bürgerwelt mit den Anführungsstrichen, zwischen die sie gehören, ihre Signal Wirkung verloren. Wenn falsches Bewußtsein, statt denunziert zu werden, sich gleichsam als naturwüchsig vorstellte.