Am 15. Mai verleiht die vor eineinhalb Jahren gegründete „Deutsche Phono-Akademie“ zum erstenmal ihren „Deutschen Schallplattenpreis“. Joseph Haydns sämtliche Sinfonien werden ihn bekommen, 48 Platten in sieben Kassetten, ein seit Jahren sukzessive vollendetes Unternehmen; ferner die „Colours of Chloe“ des deutschen Jazz-Musikers Eberhard-Weber und die „Solo Concerts“ des Pianisten Keith Jarrett.

Dies allerdings sind nur die Träger des sogenannten „großen“ Preises. Daneben werden „Künstler des Jahres“ ausgezeichnet, in der E-Musik die Sopranistin Janet Baker, der Pianist Maurizio Pollini, der Geiger Ulf Hoelscher, das Alban-Berg-Quartett, aus der U-Musik Joy Fleming und Wolf Biermann, Gil Evans, Ella Fitzgerald und die Pointer Sisters. Schließlich gibt es Preise für Würdiges aus fünfzehn Einzelkategorien, für Alte Musik und Oper und Zeitgenössisches, für Chansons und Folklore und Kinderplatten. Und wie dem Deutschen Fußballmeister eine Silberschale wird auch den Preisträgern ein kunsthandwerkliches Gebilde überreicht werden, ein Plexiglas-Quader, fünfzehn Zentimeter hoch, mit eingelegter vergoldeter Minischallplatte. So weit, so gut.

Nun ist gewiß nichts dagegen einzuwenden, daß irgendein Gremium an irgendein Industrieprodukt irgendwelche Auszeichnungen (oder auch Mängelrügen) verteilt. Die Reputation dieser Preise ist proportional ihrer Häufigkeit und dem Grad der Unabhängigkeit zwischen Preisenden und Gepriesenen, und die Integrität der 58 mit der Wahrheitsfindung betrauten Damen und Herren der Jury soll keineswegs angezweifelt werden, wenngleich nicht zu übersehen ist, daß; da manch eine nicht gerade eine Unabhängigkeit fördernde Verbindung zwischen den Vertretern der Medien Funk und Fernsehen einerseits und den Produzenten andererseits vorliegt.

Einzuwenden gegen diesen Schallplattenpreis ist auch nicht, daß er sich offiziell sehr hoch versteht als eine Auszeichnung für etwas „von überragender Bedeutung“ innerhalb eines Mediums, das „zur Verbesserung der vielbeschworenen ,Lebensqualität‘ entscheidend beiträgt, ein Kulturfaktor, ohne den unser Leben um vieles ärmer wäre“ – wer da zu den Ärmeren im Lande zählte, gäbe es keine Platten, ist noch die Frage.

Aber in Wirklichkeit handelt es sich doch, allem Gerede vom Kulturfaktor und überragender Bedeutung zum Trotz, einzig und allein um eine werbewirksame und verkaufsfördernde Maßnahme, mit der die Industrie sich und ihre Produkte selber dekoriert. Die preisverleihende Akademie ist eine Gründung eben dieser Industrie, wird von sechzehn Firmen getragen, sitzt in den Räumen des Bundesverbandes dieser Industrie, und ihr Vorstand besteht nur aus Firmenvertretern.

Darüber hinaus haben die Akademie und die Industrie ihren Preis selber entwertet. Da die Firmen ihre Produkte selber für den Preis vorschlagen konnten, gingen weit über tausend Bewerbungen, ein; nach dem ersten Wahlgang blieben immerhin noch 225. Damit auch möglichst viele Plattencovers später das Auszeichnungsbonbon tragen könnten, wurden insgesamt 42 Kategorien gebildet – diese Vielzahl ist nicht mehr zu überschauen, jeder Preis wurde somit einer von vielen und sagt damit kaum mehr etwas aus.

Weiter: einige Jurys waren zu groß, mit dem Endeffekt, daß dort nur noch das eine Chance hatte, was auch bei einer Mehrheit auf Sympathie stieß. Ausgefallenes, Experimentelles, Gewagtes – und in diesem Zusammenhang auch Avanciertes – erhielt nicht die notwendige Punktzahl, preisgekrönt wurde das Allgemein- und Unverbindliche.