Ärgerliche Autoabgase

Baden-Baden ist keine Stadt, sondern eine höchst subjektive Empfindung, und entsprechend ist jedes Urteil über diesen Zustand stets ein Vor-Urteil, zu dem, wer will, ein jeder die passenden Fakten zusammensuchen kann. Unsere Freunde, die es beruflich in diese Schwarzwald-Stadt verschlagen hat, fühlen sidi abseits der großen Ereignisse, eingebettet in eine Stadt, die mit ihren Allüren ganz aus der schwarzwälderischen Art geschlagen scheint und dennoch mit ihrer Freundlichkeit unverkennbar zu ihr gehört. Sie halten es vorzugsweise mit Horst Krüger, der über Baden-Baden doppelsinnig "zum Sterben schön" seufzte, damit sagend, man könne es länger als drei Wochen dort nicht aushalten. Es ist eine Stadt von morbider Durchsichtigkeit, prachtvoll ausgestattete Sterbekammer einer überkommenen Gesellschaft, ein Überbleibsel der guten alten Zeit, wie es so rein und so stilecht in Deutschland nimmermehr zu finden ist. Baden-Baden ist eine große Kleinstadt mit Nachteilen für diejenigen, die dort ihre Berufsjahre zu verbringen haben – aber mit den Vorzügen auch mancher kleinen Großstadt. Das ruhig-bürgerliche Milieu, die schönen alten Villen aus der Kaiserzeit, überhaupt die Relikte der Jahre, als Baden-Baden Sommerresidenz der europäischen Herrscherhäuser war, geben der Stadt immer noch ihr Gepränge. Eine charaktervolle Stadt, in der badische Lebensart auf Grußfuß mit der Welt steht.

Machen wir uns nichts vor: Man muß dieses Fluidum lieben, wenn man es dauerhaft ertragen soll. Doch wir, die wir Baden-Baden immer mal wieder, für ein, zwei Tage, auch für drei Wochen, besuchen, empfinden die Stadt mit ihrem Ambiente als befreiend, und für diesen Zeitraum lassen wir uns gerne fesseln, genießen wir den Geruch dieser Welt, einen Geruch aus selten so glückhaft vereinten Ingredienzen: würzige Luft des Schwarzwaldes, Parfüm der Jugendlichkeit, tropische Dampfwolken der viele tausend Jahre alten Thermalquellen, herbsüße Kelterdüfte, und die vier Winde tragen aus hinreißenden Küchen aromatische Schwaden heran.

Die Lästerer in Baden-Baden werden die Autoabgase der B 500 hinzunehmen, die, mitten durch die Stadt zur Schwarzwaldhochstraße führend, in der Tat ein rechtes Ärgernis ist, eines, das aber anscheinend bald ein Ende hat, weil die Untertunnelung der Stadt auf einer Strecke von zwei bis drei Kilometer oder alternativ eine Tangentiallösung projektiert sind, Anlaß genug für heftige innerstädtische Fehden und Kampagnen. Aber belästigt dieser Zustand die Gäste? Nur dann, wenn sie gerade einkaufen, eine Möglichkeit, die durch die etwas halsstarrigen Geschäftsleute sowieso stark beschnitten ist, freilich nicht, um die Gäste vor den Abgasen zu bewahren, sondern weil sie anscheinend der Meinung anhängen, Gäste seien für Baden-Baden, die Geschäftsleute aber nicht für Gäste da. Den Luxus, täglich zwei Stunden über Mittag, Mittwochnachmittag ganz und auch an den verkaufsoffenen Samstagen nachmittags überwiegend geschlossene aushalten, leistet man sich in keiner Kurstadt, nur in Baden-Baden.

Doch den Baden-Badener Belästigungen kann man leicht ausweichen, man kann, beispielsweise, einen dreiwöchigen Urlaub gut, damit verbringen, das 300 bis 400 Kilometer lange Wandernetz durch 18 000 Hektar Gemeindewald in und unmittelbar um Baden-Baden zu erschließen, das auf Hoch-Ebersteinburg ebenso führt wie hinüber ins Rebland, welches teilweise, durch den Glücksfall der Gebietsreform Teil der Stadt Baden-Baden geworden ist. Und wo fincet man das schon: so schmucke Winkel wie Varnhalt, wie Steinbach und Neuweier als Stadtgebiete, Ortschaften, die für Gourmets und Weinliebhaber Wonnen verheißen und halten.

Unumwunden: manch eines der noch nicht ausgeräumten Ärgernisse in Baden-Baden wird man gar nicht bemerken: daß es im alten Stadtgebiet von Baden-Baden außer dem für durchschnittliche Geldbörsen untauglichen, ganz zu Unrecht von Michelin mit zwei Sternen ausgezeichneten "Stahlbad" eine auf Kurgäste nicht hinreichend eingestellte Gastronomie gibt, bleibt allerdings ärgerlich, auch wenn es vorzuziehen ist, im "Adler" in Varnhalt, im "Weißen Lamm" in Neuweier und dem konkurrierenden "Schloß Neuweier", in Steinbachs "Talmühle" oder einem der vielen dörflichen Gasthäuser zu essen – auch zu durchaus zivilen Preisen. Schlemmer fahren zehn Kilometer nach Rastatt zum genialen Katzenberger, in den 30 Kilometer entfernten "Erbprinz" in Ettlingen, in den "Ritter" zu Durbach (30 Kilometer), hinüber ins Elsaß.

Was auf dem Gebiet der Gastronomie durch Mobilität zu überwinden ist – im Hotelbereich ist Baden-Baden seiner Vergangenheit noch zu stark verhaftet, und es eilt, mit einigen der zahlreichen Einfälle des städtischen Kurdirektors Prof. Bürger bald Ernst zu machen, wenn Baden-Baden außer denen, die es sowieso lieben, einen neuen Kreis von Gästen gewinnen will. Sechs Hotels der ersten Güte hat die Stadt vorzuweisen – das nur Millionären anstehende Brenner’s Parkhotel im Besitze des Oetker-Konzerns, Steigenbergers Europäischer Hof, Selig-Hof, Bellevue, Badischer Hof und das Golf-Hotel – alles Häuser, in denen man sich saloppe Urlaubskleidung tunlichst nur leisten sollte, wenn man zuvor das zahlreiche Personal mit Trinkgeldern verwöhnt hat. Doppelzimmer ab 110 Mark aufwärts, Einzelzimmer bei 70 Mark und mehr – diese Geldschicht hat Baden-Baden früher ernährt und noch so lange, wie die Begum und orientalische Goldprotzen dem alten Ruhm der Stadt nachgelaufen sind.